Die Stadt, die niemals schläft, steht vor verordneten Einschränkungen. Denn Berlin ist auf dem Weg, zum Corona-Risikogebiet erklärt zu werden. Mit 47,2 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern liegt die deutsche Hauptstadt nur mehr knapp unter dem Schwellenwert von 50. Bremen hat diese Grenze bereits überschritten, schärfere Regeln für private Feiern und öffentliche Veranstaltungen treten daher nun in Kraft.

Dass insbesondere in Ballungsräumen mit Herbstbeginn die Infektionszahlen steigen, war Behörden und Medizinern bewusst. Gehofft hatten sie aber auf eine weniger rasante Entwicklung: Alleine von Mittwoch auf Donnerstag stiegen die gemeldeten Infektionszahlen um ein Drittel auf 4000 Fälle. "Die aktuelle Situation beunruhigt mich sehr", sagte daher Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, der Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten.

Von "besorgniserregenden" Zahlen sprach der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn. Der CDU-Politiker appellierte insbesondere an junge Personen, sie sollten sich nicht für unverletzlich halten. Neben Partys sollte vor allem aufs Reisen verzichtet werden, insbesondere bei Bürgern aus Regionen mit hohen Infektionszahlen. Denn die vielen Neuinfektionen fallen mit den Herbstferien zusammen.

Kontakte schwer verfolgbar

Wieler wollte nicht ausschließen, dass die Zahl der Neuinfektionen auf über 10.000 Personen steigen wird. Kanzleramts-Chef Helge Braun sieht bereits den Beginn einer zweiten Infektionswelle: In einigen Großstädten stiegen die Zahlen "sehr sehr schnell an", sagte er gegenüber dem Sender n-tv. "Das heißt, dass die Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern möglicherweise an einigen Stellen nicht mehr funktioniert, und das ist der klassische Beginn einer zweiten Welle."

So weit ist es aber (noch) nicht, und im internationalen Vergleich zählt Deutschland ohnehin zu den effektivsten Staaten im Kampf gegen die Pandemie. Laut Daten der EU-Gesundheitsbehörde ECDC sind in den vergangenen 14 Tagen nur 34 Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner gemeldet worden. In Österreich sind es mehr als dreimal so viele, Großbritannien verzeichnet den vierfachen Wert Deutschlands und Spanien kommt auf das mehr als Neunfache. Es gebe "kaum ein Land in Europa, das die Krise bis hierhin so gut hat bewältigen können", betonte daher Spahn.

Entscheidend dabei war, Tests und Kontaktnachverfolgung rasch auszubauen und dadurch die Infektionsketten zu durchbrechen. Waren Mitte März erst rund 7100 Tests in knapp 30 Labors täglich möglich, sind es mittlerweile mehr als 230.000 Tests in knapp 170 Labors. Die Arztpraxen dienten als erste Anlaufstelle, wodurch die Einschleppung des Virus über die Notaufnahme in Spitälern vermieden werden konnte, ebenso wie der Ausbruch in Pensionisten- und Pflegeheimen. Und die Corona-App war zwar wesentlich später als in Österreich verfügbar, dafür gab es keine Diskussion um die freiwillige Anwendung, was die Akzeptanz deutlich erhöhte. Knapp 19 Millionen Mal wurde die App bisher heruntergeladen. Auch kann sich Deutschland auf eine hohe Zahl an Betten in Intensivstationen stützen. Gesundheitsminister Spahn strich am Donnerstag hervor, 8500 solcher Betten seien derzeit frei - mehr als die Gesamtkapazität in Spanien und Italien betrage. Zusätzlich gebe es in Deutschland 12.000 Reserve-Intensivbetten.

Des Ministers Botschaft: Wir sind gerüstet

Wir sind gerüstet, will die Regierung demonstrieren. Es geht um das Vertrauen der Bürger, die bisher in überwältigender Mehrheit den Kurs mitgetragen haben. Das obwohl auch Deutschland nicht pannenfrei durch die Krise gekommen ist, selbst beim Herz der Strategie: So informierte Bayern hunderte Covid-19-positive Rückkehrer aus dem Sommerurlaub tagelang nicht über ihre Testergebnisse. Die Bundesländer sorgen mit ihren unterschiedlichen Maßnahmen zur Virusbekämpfung immer wieder für Verwirrung. Dem Föderalismus muss sich aber selbst Kanzlerin Angela Merkel beugen.