Die Kykladeninsel Sikinos, rau, bergig, drei Orte, zusammen 260 Einwohner, zwischen den deutlich größeren Eilanden Ios und Folegandros in der südlichen Ägäis gelegen, bietet eigentlich alles, was das Herz des Griechenlandurlaubers so begehrt: Schöne Sandstrände, kristallklares Meer, absolute Sonnengarantie. Und wer hätte das angesichts des trockenen Klimas erwartet: Hier erstreckt sich noch ein kleines Weingut, die Rebflächen in Hanglage angelegt, mit einem erstklassigen Restaurant, wo der Besucher nach der Gratis-Weinprobe auf der Terrasse auch einen immerzu atemberaubenden Sonnenuntergang genießen kann. Und dies alles zu erfreulich fairen Preisen.

Was Sikinos aber nicht bietet: laute Musik und wilde Partys. Die Insel hat keine einzige Strandbar, keine Disco, keinen Nachtklub. Eine Unterhaltungsindustrie auf Sikinos? Völlige Fehlanzeige. Christos Marakis, 38, sportlich, gepflegter Vollbart, ein gebürtiger Sikinioter, hat damit gar kein Problem. Im Gegenteil. Im Hauptort Chora mit seinen für die Kykladen so typisch mit weißem Kalkwasser gestrichenen Häusern betreibt er direkt am kleinen Hauptplatz das Café "Plateia". "Ich habe 2019 das Café eröffnet. Damals konnte keiner ahnen, was folgen würde", sagt Marakis. "Der erste Sommer war für mich sehr gut, der letzte Sommer war nicht einfach. Natürlich wegen Covid-19. Jetzt läuft es wieder." Die Tische draußen im Café "Plateia" sind an diesem lauen Abend Mitte Juli voll besetzt. Franzosen, Spanier, Deutsche, Griechen. Familien mit Kindern, junge Pärchen, Einzelreisende. Besitzer Marakis eilt ins Innere des Cafés, um noch neue Tische auf den Platz zu bringen, damit alle Gäste überhaupt einen Platz finden.

Party-Verbot auf Mykonos

Sikinos liegt fernab vom Massentourismus. Ein Wanderparadies. Ein Geheimtipp auch für den Sommer. Doch genau das macht die kleine, urige Insel nun, im zweiten Corona-Sommer, für den bewussten Urlauber so attraktiv. Sikinos boomt, für seine Verhältnisse. "Sikinos ist jetzt ausgebucht. Bis Ende August wird man hier kaum noch Zimmer finden", sagt Marakis. "Für uns, die wir hier das ganze Jahr leben, ist das sehr wichtig. In den 45 Tagen ab Mitte Juli verdienen wir das Geld, um den Winter hier überstehen zu können. In Athen gibt es keine Jobs, die Arbeitslosigkeit dort ist sehr hoch. Gott sei Dank schätzen uns unsere Gäste. Die meisten kommen immer wieder. Das ist für uns eine enorme Hilfe, auch psychologisch."

Keine fünfzig Seemeilen weiter nordöstlich, auf Mykonos, Griechenlands ultimativer Party-Insel, könnte der Kontrast nicht größer sein. Die Wut, gar Empörung unter allen, die im Tourismus vor Ort ihr Geld verdienen, ist seit vergangenem Samstag riesengroß. Der Grund dafür: Die griechische Regierung, die bereits zuvor den Zugang zu den Innenräumen von Lokalen landesweit auf Geimpfte oder Genesene beschränkt hatte, ordnete mit sofortiger Wirkung eine nächtliche Ausgangssperre von ein Uhr bis sechs Uhr in der Früh auf Mykonos an. Ferner herrscht ein Tanz- und Musikverbot bis zum 26. Juli.

Die Behörden haben versprochen, die Einhaltung des Lockdowns auf Mykonos scharf zu kontrollieren. Mit Befehl der Athener Polizeidirektion wurden zusätzlich vierzig Polizisten der Spezialeinheit "Opke" nach Mykonos abkommandiert. Auch Drohnen sollen zum Einsatz kommen, um unter anderem Geheimpartys auf Land und auf Yachten zu entdecken und schon im Ansatz zu stoppen. Für Mykonos’ üblicherweise florierende Tourismusindustrie sei das ausgerechnet zu Beginn der Hochsaison "eine wahre Katastrophe", gar "der Todesstoß", poltern seither die hiesigen Unternehmervereinigungen.

Ganz falsch scheint die Einschätzung nicht. Denn das Geschäftsmodell in Sachen Tourismus auf Mykonos, einem der Flaggschiffe der griechischen Reiseindustrie, lautet doch gerade: ein unbändiges Nachtleben, das Feiern bis zum Umfallen. Mit oftmals Hunderten von Teilnehmern. Ohne Sicherheitsabstand, ohne Mund- und Nasenschutz. Auch in Corona-Zeiten. Bereits Minuten nach der Ankündigung der Regierung habe es Stornierungen für gebuchte Urlaube auf Mykonos gehagelt, klagen die Hotelbesitzer auf Mykonos.

Die Regierung in Athen unter dem konservativen Premier Kyriakos Mitsotakis hatte allerdings keine andere Wahl. Vor dem Party-Verbot waren auf Mykonos mehr als zehn Prozent der Schnelltests bei stichprobenartigen Kontrollen positiv ausgefallen. Die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohne schnellte auf 345 hinauf und brachten das System an seine Kapazitätsgrenzen. Die Quarantäneunterkünfte auf der Insel seien bereits überfüllt, offenbarte die Chefin des Gesundheitsdienstes der Insel, Dina Sampsouni, im Staatssender ERT.

Warnung an andere Regionen

Wie lang das Party-Verbot bestehen bleibt, ist derzeit noch offen. Immer wieder ist in Athen zu hören, dass die Regierung dem Druck der Unternehmer nachgeben könnte und bei einer sich abzeichnenden Besserung der Lage die Regeln vorzeitig lockert. In jedem Fall dürften die drastischen Maßnahmen in Mykonos aber auch eine deutliche Warnung an andere griechische Inseln gewesen sein, die neben der Hauptstadt Athen in der vierten Infektionswelle zu Corona-Hotspots avanciert sind. Konkret zählen dazu Paros, Ios und Santorin sowie die Insel Kreta mit den Städten Rethymnon sowie Heraklion, wie griechische Medien übereinstimmend berichten. Im eigens eingerichteten Corona-Ampelsystem des griechischen Zivilschutzes drohen diese Regionen schon jetzt "rot" zu werden. Die unweigerliche Folge wäre in diesem Fall: Abrupte Lockdowns, eine nächtliche Ausgangssperre inklusive, wie nun in Mykonos.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in ganz Griechenland ist mit Stand vom 22. Juli auf 179,6 gestiegen. Am 28. Juni war sie noch bei 24,6 gelegen. Experten in Athen führen den steilen Anstieg der Neuinfektionen wie auch anderswo in Europa vor allem auf die hochansteckende Delta-Variante zurück. So werden fünfzig Prozent der Neuinfektionen mittlerweile von diesen Virustyp verursacht. Dabei kann sich Griechenland nach 2020 kein zweites katastrophales Jahr in Folge in Sachen Tourismus leisten, nachdem schon die ersten vier Monate im laufenden Jahr wegen des herrschenden Lockdowns touristisch einen Totalausfall bedeuteten.

Einer Studie der Athener Notenbank (TTE) zufolge waren die Direkterlöse im griechischen Tourismus 2020 im Vergleich zum Rekordjahr 2019 um knapp 77 Prozent auf 4,31 Milliarden Euro eingebrochen. Die Zahl der nach Griechenland einreisenden Urlauber ging 2020 im Vergleich zum Vorjahr auf 7,4 Millionen Urlauber zurück. Im Rekordjahr 2019 waren es noch 31,348 Millionen ausländische Urlauber gewesen.

Ursprünglich hoffte Athen darauf, dass die Direkterlöse im Tourismus im laufenden Jahr neun Milliarden Euro und damit 50 Prozent im Vergleich zum Rekordjahr 2019 erreichen würden. Wie die regierungsnahe Athener Tageszeitung "Kathimerini" erst kürzlich berichtete, soll die Prognose für die Direkterlöse aus dem Tourismus in diesem Jahr aber mittlerweile auf 6,3 Milliarden Euro und damit auf gut 30 Prozent des Wertes von 2019 gesenkt worden. Die betreffende Schlagzeile in "Kathimerini" lautete: "Drahtseilakt für den griechischen Tourismus".