Das Drehbuch war von Russlands Präsident Wladimir Putin längst geschrieben, ab Donnerstag Nacht kam das schaurige Stück dann zur Aufführung: Zunächst erschütterten unzählige Explosionen die Hauptstadt Kiew und Charkiw, am Horizont waren zahllose Lichtblitze zu sehen. Später eröffnete die russische Armee heftiges Artilleriefeuer, dann begann der Einmarsch von Bodentruppen. Panzer rollten von Osten, von Süden - und von Norden, aus weißrussischem Territorium.

Der Präsident von Belarus, Alexander Lukaschenko, versicherte, dass seine Soldaten nicht an dem Angriff beteiligt seien. Es handelte sich bei den Angreifern demnach um russische Soldaten, die zuvor zu Manöverzwecken nach Belarus verlegt worden waren.

"Der Zivilbevölkerung droht nichts"

In einem Video des ukrainischen Grenzschutzes konnte man sehen, wie russische Panzer von Weißrussland kommend mit großer Geschwindigkeit über die Grenze rollten. Rasch war die Region Tschernobyl erreicht, der Weg in die Hauptstadt Kiew ist dann nicht weit. Bereits am frühen Nachmittag waren russische Luftlandeeinheiten nach ukrainischen Angaben in die Hauptstadtregion vorgedrungen. Später rief die Stadtverwaltung Kiews alle Bürgerinnen und Bürger auf, sich in Luftschutzbunkern in Sicherheit zu bringen.

AFP-Reportern zufolge war ein Geschwader von Hubschraubern zu sehen, die am Stadtrand von Kiew knapp über dem Boden flogen. Dort wurde nach Kämpfen der Antonow-Flughafen okkupiert, wie CNN berichtete. Der Plan könnte sein, in Kiew einen raschen "Enthauptungsschlag" gegen die ukrainische Führung zu setzen, so die Vermutung.

Von den frühen Morgenstunden an beschränkte sich das Kriegsgeschehen nicht auf den Osten des Landes. 100 Kilometer südöstlich von Lemberg waren ebenfalls heftige Detonationsgeräusche vernehmbar. Nur rund acht Autostunden von Wien entfernt herrscht jetzt Krieg: Munitionslager im westukrainischen Chmelnyzkyj waren mit Raketen angegriffen worden, Detonationen gab es auch in Luzk und in Kasernen im Westen.

Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, verhängte das Kriegsrecht über alle Teile des Landes, der ukrainische Luftraum wurde komplett geschlossen. Die Europäische Flugsicherheitsbehörde warnte Fluglinien davor, über die Ukraine zu fliegen. Innerhalb von 100 Nautischen Meilen (185 Kilometern) von der belarussisch-ukrainischen und der russisch-ukrainischen Grenze sollten Piloten "extreme Vorsicht" walten lassen.

Ziel der russischen Angriffe war in erster Linie militärische Infrastruktur, die Städte und deren Zivilbevölkerung würden verschont, hieß es aus Moskau: "Der Zivilbevölkerung droht nichts."

Dem wurde von ukrainischer Seite widersprochen: Bei einem Raketenangriff auf Odessa habe es mindestens 18 Tote gegeben. In der Stadt Browary bei Kiew starben laut dortigem Bürgermeister mindestens sechs Menschen, in Mariupol soll ein Wohnbezirk angegriffen worden sein, Opferzahlen lagen zunächst nicht vor.

Die Raketenangriffe Russlands erfolgten in mehreren Wellen, auch die militärische Kommandozentrale der ukrainischen Armee in Kiew wurde angegriffen. Über der Geheimdienstzentrale des Verteidigungsministeriums stieg schwarzer Rauch auf.

Er habe "die Entscheidung für eine Militäroperation getroffen", so Putin davor in einer TV-Ansprache. Ab Donnerstagmorgen dröhnten dann überall in der Ukraine die Alarmsirenen.

Die russischen Panzer rollten ab 8.00 Uhr Früh in Richtung Kiew - aus allen Richtungen: Vom Norden und der okkupierten Krim im Süden, von Osten drangen sie aus dem dem Raum Charkiw vor. Die Separatisten der "Republiken" Donezk und Luhansk vermeldeten, mit dem Fluss Siwerskyj Donez die bisherige Frontlinie überschritten zu haben: Mit "Schützenhilfe" aus Moskau, wie es hieß. Ziel war es, vorerst die Grenzen der Verwaltungsbezirke zu erreichen.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax vermeldete auch einen Angriff vom Wasser aus - es soll demnach Landungsoperationen der russischen Schwarzmeerflotte im Asowschen Meer und in Odessa gegeben haben.

Beträchtliche Entschlossenheit

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs wurden gleich zu Beginn des Krieges zahlreiche Flugplätze angegriffen, darunter Boryspil rund 40 Kilometer von Kiew entfernt, Tschuhujiw im Gebiet Charkiw und Kramatorsk im Raum Donezk. Moskau vermeldete, dass die ukrainische Luftabwehr schon in den ersten Stunden "mit Präzisionswaffen" ausgeschalten worden wäre. Der Widerstand der ukrainischen Streitkräfte sei gleich null gewesen, vermeldete die russische Seite, die offenbar vermitteln will, dass der Gegner in Agonie liege.

Die Führung in Kiew hingegen war von Anfang an bemüht, die Verteidigungsbereitschaft der ukrainischen Armee zu unterstreichen: Man habe einige russische Kampfflieger vom Himmel geholt, hieß es hier. Die ukrainische Seite vermeldete die "Liquidierung" - also Tötung - von 50 russischen Soldaten. Es gibt auch Meldungen, dass es der ukrainischen Armee gelungen ist, einige russische Panzer auszuschalten. Wobei man in Kiew einräumt, Verluste erlitten zu haben.

In wilder Flucht vor dem überlegenen Feind befand sich die ukrainische Armee vorerst offenbar nicht. Ukrainische Panzer und gepanzerte Fahrzeuge bewegten sich auf die Stadt Mariupol zu, um sich den Invasoren entgegenzustellen. Diese Angaben sind allerdings ungesichert. Die ukrainische Regierung kündigte an, alle Menschen mit Waffen auszustatten, die das wollten. Wer bereit und in der Lage sei, eine Waffe zu halten, könne sich den Streitkräften anschließen, so Verteidigungsminister Oleksii Resnikow. Die Polizei teilte mit, es würde Kriegsgerät an die Veteranen ausgegeben. Selenskyj rief zugleich die Russen dazu auf, in Russland gegen den Krieg zu protestieren.

Nach Ansicht von Militärexperten sind die ersten Tage nach dem russischen Angriff entscheidend für den weiteren Verlauf des Krieges. Vieles hänge davon ab, ob die zahlen- und materialmäßig weit unterlegene ukrainische Armee durchhalte.

Zunächst war nicht klar, ob es der Ukraine überhaupt gelingt, ernsthaften Widerstand zu leisten. Experten des österreichischen Bundesheeres sind allerdings der Meinung, dass es auch für eine hochgerüstete Armee wie der russischen schwierig werde, das gesamte Territorium der Ukraine dauerhaft zu besetzen. Hier ist unter Umständen mit einem verlustreichen Guerilla-Krieg zu rechnen. Dass Russland seine kurzfristigen Kriegsziele erreichen wird, daran zweifelte vorerst kaum jemand.

Wladimir Putin plant offenbar keine dauerhafte Okkupation der Ukraine, "niemand spricht über eine Besetzung", heißt es aus dem Kreml. Er will offenbar in einem raschen, harten und gezielten Schlag eine prorussische Regierung in Kiew etablieren und das Land "entmilitarisieren" und "entnazifizieren". Was immer er damit meint, langfristig dürfte das kein Spaziergang werden. Es gibt Umfragen, wonach die Entschlossenheit der Ukrainer beträchtlich ist. 45 Prozent der zuletzt Befragten wollen ihr Land mit der Waffe in der Hand verteidigen.

In einem über Twitter veröffentlichten Video war eine zerstörte russische Einheit zu sehen - der Wahrheitsgehalt kann nicht überprüft werden. Auch ist unklar, wo das Video aufgenommen wurde. Zu sehen waren unter anderem ein völlig zerstörter Panzer und ein verlassener Militär-Lkw. Der Ex-US-General Mark Hertling glaubt jedenfalls, dass man die ukrainischen Streitkräfte nicht allzu früh verloren geben sollte, wie er gegenüber CNN sagte. Auch gab es Cyberangriffe auf Russland. So war Putins Website, die der Regierung und die der Duma nicht mehr erreichbar.

Der Leiter der Forschungsabteilung der Theresianischen Militärakademie, Oberst Markus Reisner, meinte, dass man "in den nächsten Tagen Klarheit haben" werde. Dann werde man eine Idee haben, wie es der ukrainischen Armee gelungen sei, diesen Angriff aufzufangen - oder auch nicht. Derzeit gebe es keine Indizien für eine Auflösung der ukrainischen Streitkräfte.

Moskau hofft auf einen raschen Sieg

Die russische Strategie werde sein zu hoffen, dass der Sieg relativ rasch erzielt werde, sagt Reisner. Wenn es nachhaltigen Widerstand gebe und die russischen Verluste stiegen, bestünde die Gefahr, dass der Militärschlag in einen anhaltenden Kampf übergehe. Gleichzeitig betonte er, dass sich die ukrainischen Streitkräfte seit 2014 verbessert hätten, der russischen Übermacht könnten sie etwas entgegensetzen. Nicht ausschließen wollte der Experte, dass es nach der Niederschlagung regulärer Streitkräfte zu einer Aufstandsbewegung kommen könnte. Ob die betreffende besetzte Region von russischen Streitkräften dann gehalten werden könne, sei unklar, sagt auch Reiser.