Istanbul. Seit fast zwei Wochen steht die Türkei im Bann der Massenproteste gegen Recep Tayyip Erdogan. Unter den Demonstranten findet man Alte und Junge, Hausfrauen und Kleinunternehmer, radikale Linke und moderate Säkularisten. Sogar die verfeindeten Fans der Istanbuler Großklubs stehen zusammen, wenn es gegen die zunehmend als autoritär empfunden Politik des Ministerpräsidenten geht. Was - außer dem illusorischen Rücktritt des 59-jährigen Regierungschefs - allerdings mit den Demonstrationen konkret erreicht werden soll, ist innerhalb der Protestbewegung kaum definiert beziehungsweise umstritten.

Wenn Erdogan zu den Parlamentarier seiner islamisch-konservativen AKP spricht, ist die Sache hingegen sonnenklar. "Das Ziel dieser Ereignisse ist die türkische Wirtschaft", polterte der Ministerpräsident in Ankara. Mit Beteiligung ausländischer Kräfte solle die Türkei wirtschaftlich in die Knie gezwungen und ausländische Investoren eingeschüchtert werden.

Dass es hier, so wie von Erdogan behauptet, einen großen systematischen Plan gibt, dürften dem Regierungschef wohl nicht einmal viele AKP-Anhänger glauben. Tatsächlich gibt es aber bereits deutlich spürbare Effekte der Proteste. So fiel die Lira in der vergangenen Woche auf den niedrigsten Stand seit 2011. Eine leichte Erholung verzeichnete die türkische Währung erst, als die Zentralbank in Ankara am Dienstag ankündigte, ihre gegenwärtig lockere Geldpolitik zu straffen, um den Kurs zu stützen. Auch die Werte an der Istanbuler Börse haben seit Mitte Mai durchschnittlich 20 Prozent eingebüßt.

Doch anders als in den Ländern des Arabischen Frühlings, deren Wirtschaft im Zuge der Umstürze massiv einbrach, dürfte die Dimension der Proteste in der Türkei zu gering und die Wirtschaft deutlich zu robust sein, als dass die Demonstrationen langfristig Auswirkungen zeitigen. "Für die Realwirtschaft hier hat das zunächst einmal überhaupt keine Bedeutung", sagt Marco Garcia, der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Istanbul im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Vor allem auf der Firmenebene regiert derzeit business as usual." Auch die Ratingagentur Fitch sieht die Kreditwürdigkeit der Türkei derzeit nicht in Gefahr, das Land verfüge nach wie vor über eine solide Anlagebonität, schreiben die Analysten.

Dass man die Proteste nicht unbedingt als substanzielle Bedrohung für die Wirtschaft des Landes ansieht, zeigt aber noch eine ganz andere Episode. So hat sich vergangene Woche auch ein hochrangiger Manager der Garanti Bank, die zu den wichtigsten Instituten im Land zählt, öffentlichkeitswirksam unter die Demonstranten im Gezi-Park gemischt.

Problemfall Europa

Dass Erdogan der Architekt des türkischen Wirtschaftswunders ist, ist allerdings auch unter den Demonstranten unumstritten. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2003 hat sich das Pro-Kopf-Einkommen verdreifacht, die Exporte stiegen fast um das Zehnfache an und auch bei den ausländischen Investitionen wurde ein Quantensprung verzeichnet. Und auch im Vergleich mit anderen Ländern befindet man sich seit langem auf der Überholspur: Unter Erdogan ist die 76 Millionen Einwohner zählende Türkei zur siebzehntgrößten Volkswirtschaft der Welt geworden. Dass das Wirtschaftswachstum, das im vergangenen Jahrzehnt immer wieder an der Neun-Prozent-Marke kratzte, zuletzt deutlich tiefer lag, wird von vielen Experten als Resultat außertürkischer Entwicklungen gesehen. "Der Hauptmarkt für die Türkei liegt sowohl bei den Exporten wie auch bei den Importen nach wie vor in Europa", betont Garcia. "Und wenn es Europa schlecht geht, spürt man das natürlich auch bei den Wachstumsraten in der Türkei."

Laut dem österreichischen Wirtschaftsdelegierten hat die Türkei aber bereits vor einigen Jahren damit begonnen, ihr Exportportfolio deutlich zu differenzieren. Ausfuhren in den Irak, nach Libyen und diverse andere afrikanische Länder machen mittlerweile einen stark wachsenden Anteil an der Gesamtmenge aus.

Die türkische Wirtschaft leidet aber nicht nur an der schwächelnden Konjunktur in Europa. Ein Billiglohnland ist man schon seit längster Zeit nicht mehr und so machen ausländischen Investoren bei der Suche nach günstigen Produktionsstandorten immer häufiger einen Bogen um die Türkei und ziehen nach Asien weiter. Mit zu den Folgen zählt eine Arbeitslosenrate, die in den vergangenen Jahren trotz des stattlichen Wirtschaftswachstums konstant bei neun Prozent lag.