Kiew. "Mozhno dogovoritsja?" - Können wir uns irgendwie einigen? - ist ein allen Ukrainern bekannter Satz. Vornehmlich wurde er im Umgang mit Polizisten gebraucht, wenn es darum ging, Vergehen schnell durch finanzielle Zuwendungen zu lösen. Deshalb und auch aufgrund umfangreicher Willkür hatten die Sicherheitsorgane des Landes schon während der letzten Jahre nicht gerade den besten Ruf. Gewaltsames Vorgehen gegen Demonstranten während der Revolution vermochte ihr Image freilich nicht aufzupolieren, im Gegenteil.

Über die vergangenen Tage offenbarten sie eine neue negative Eigenschaft. Diesmal aber durch Untätigkeit. Bei Zusammenstößen in der Ostukraine zwischen prorussischen Demonstranten und Anhängern der neuen Führung reagierten die Polizisten einfach nicht. Viele Menschen mussten fassungslos zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht einschritten, als Gebäude gestürmt und Zivilisten verprügelt wurden.

"Es gibt heute kein Vertrauen in die Polizei", bestätigt Mykola Sungurowskij vom Kiewer Think Tank Razumkov Centre. Das liege an ihrer jetzigen Inaktivität, aber auch an der extrem schwachen Performance der vergangenen Wochen. "Und gerade die jetzige Zeit erfordert durch ihre vielfältigen Herausforderungen noch mehr Leistung von der Polizei. Sie soll Extremisten, Radikale, Separatisten, in Einzelfällen Terroristen bekämpfen", sagt der Sicherheitsexperte. Resultate könne der neue Innenminister Arsenij Awakow aber noch nicht vorweisen. "Teile der jetzigen Enttäuschung liegen natürlich auch an den extrem hohen Erwartungen, die die Menschen nach dem Fall des Janukowitsch-Regimes an die Sicherheitskräfte gestellt haben - dass alles sofort besser ist", sagt Sungurowskij.

Immense Unsicherheiten

Nun setzt Kiew vor allem auf die neue Nationalgarde, die noch keine schlechte Nachrede hat - aber aufgrund ihres Aufbaus und der Neuausrichtung erst beschränkt einsatzfähig ist. Aber auch auf Personalneubesetzungen. Erst diese Woche wechselte Awakow inmitten einer Anti-Terror-Operation den Anti-Terror-Chef aus. Für viele Beobachter ein weiteres Zeichen dafür, wie chaotisch die Zustände im Sicherheitsapparat des Landes sind. Viele Befehle von der neuen Führung in Kiew werden ab der mittleren Ebene infrage gestellt und einfach nicht mehr weitergegeben. "Die Einheiten, die in östlichen Städten handeln sollen, befanden sich immer unter dem Einfluss der lokalen politischen Führung", sagt Sungurowskij. Kam von dort die Anweisung, sich nicht in Demonstrationen einzumischen, reagierten diese auch nicht. "Der Kampf zwischen den lokalen Politstrukturen und der Führung in Kiew schlägt sich negativ auf die Tätigkeiten der Polizei nieder."