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"French Bashing"

Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

Politik

Übernahme-Schlacht um Alstom und Einmischung seitens Paris zeigen die Probleme der Industrie.


Paris. "Sehen Sie: Das ist deutsche Spitzenqualität - made in France!" Wenn Bruno Bouygues Besucher durch seinen Betrieb Gys in Laval im französischen Loire-Tal führt, sprüht er vor Enthusiasmus. Von seiner Ausbildung her Ingenieur, kennt der energische junge Firmenchef jeden Handgriff in der Fabrik für Schweißgeräte und Batterieladegeräte, die er 1997 gemeinsam mit seinem Vater gekauft hat. Seitdem stieg die Zahl der Mitarbeiter von 40 auf mehr als 450 weltweit, inzwischen exportiert Gys in über 110 Länder, unterhält Filialen in China, Großbritannien und Indien und seit 2006 in Aachen.

"Begeisterung für Industrie und Technologie sind keine Frage der Nationalität", sagt Bouygues. Als typisch französisch gilt diese Begeisterung jedoch nicht.

Auch sind mittelständische, familiengeführte Betriebe mit einer erklärten Export-Strategie in Frankreich rar gesät, denn das Land zählt vielmehr viele sehr kleine Betriebe und eine Reihe mächtiger Großkonzerne.

Erfolgsgeschichten wie die von Bruno Bouygues hört man zurzeit selten - auch weil man sie kaum erzählt: In Wirtschaftskreisen wird immer öfter über das "French Bashing" geklagt, also das reflexhafte Niedermachen der französischen Wirtschaft in der nationalen und internationalen Presse, die sich auf Negativmeldungen fixiere. Und damit die Bereiche außer Acht lässt, die hier gut funktionieren, von der Luxusindustrie mit florierenden Konzernen wie LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) oder L’Oréal über die Pharma- und Nahrungsmittelbranche bis zur Luft- und Raumfahrt. Darüber hinaus gilt Frankreich als Vorbild, ob bei seinem - allerdings teuren und defizitären - Gesundheits- und Sozialsystem oder in der Familienpolitik, die eine hohe Geburtenrate mit bedingt. "Die positive Demografie ist ein Zeichen für das Vertrauen in die Zukunft", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Nicolas Baverez.

Umfragen illustrieren hingegen eine wenig zuversichtliche Stimmung. Drei Viertel der Franzosen befürchten eine Verschlechterung der Wirtschaftslage. Der Konsum der Privathaushalte, ein wichtiger Konjunkturmotor, ging im ersten Trimester 2014 um 1,2 Prozent zurück. Noch immer sucht Frankreich ein Ende der Krise und der dramatischen Desindustrialisierung der vergangenen Jahrzehnte mit ihren verheerenden sozialen Folgen. So sank der Anteil der französischen Industrie am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 24 Prozent im Jahr 1980 auf zehn Prozent in 2012 - in Deutschland liegt er etwa doppelt so hoch. Rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze, also mehr als ein Drittel, gingen in diesem Zeitraum verloren. Allein zwischen 2009 und 2013 verschwanden 1000 französische Fabriken und mit ihnen 120.000 Jobs. Die Rekordarbeitslosigkeit von inzwischen über drei Millionen Erwerbsfähigen zählt zu Frankreichs dringendsten Problemen. Bei den unter 25-Jährigen erreicht sie 26 Prozent.

"Der Staat kann nicht alles"

Präsident François Hollande hat aus dem Kampf dagegen eine Priorität gemacht, doch ist er mit seinem Versprechen gescheitert, bis Ende 2013 eine echte Trendwende auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen. Nun erklärte er, bei den Präsidentschaftswahlen 2017 nicht mehr anzutreten, sollte sich die Lage nicht bessern. Allerdings hütet er sich davor, den Fehler des früheren sozialistischen Premierministers Lionel Jospin zu wiederholen, der 1999 gegenüber Massenentlassungen beim Reifenhersteller Michelin öffentlich seine Macht- und Ratlosigkeit eingestand: "Der Staat kann nicht alles."

Um Handlungsfähigkeit zu beweisen, schaltete sich die Regierung massiv in die Übernahme-Schlacht um das Transport- und Energieunternehmen Alstom ein, als dessen Verhandlungen mit dem US-Konzern General Electric über eine Übernahme der Energiesparte bekannt wurden. Alarmiert über die Gefahr, mit dem Hersteller der TGV-Hochgeschwindigkeitszüge ein nationales Flaggschiff großteils in amerikanische Hände gehen zu lassen, zitierte die Regierung Alstom-Chef Patrick Kron herbei und übte Druck aus, Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg nannte ihn gar einen "Lügner". Ausdrücklich unterstützt die Politik das eilig ausgearbeitete Gegenangebot von Siemens, das durch einen Tausch von Geschäftsbereichen zwei europäische Champions schaffen könnte - einen in der Zug-, den anderen in der Energietechnik. Alstom hingegen, das zwar von Staatsaufträgen abhängt, aber ein privates Unternehmen bleibt, zieht offenkundig die Offerte von General Electric vor, die es bis Ende Mai von einer unabhängigen Kommission prüfen lässt.

Neben der Angst um Verlust von Arbeitsplätzen und Entscheidungszentren fürchtet die Regierung das Signal, das von einer Zerschlagung des Traditionsunternehmens ausgehen würde, das 2004 ausgerechnet durch das Eingreifen des damaligen Wirtschaftsministers Nicolas Sarkozy gerettet wurde. Zumal sie der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Serie nationaler Unternehmen wäre, die auf ausländisches Kapital angewiesen sind oder abwandern.

Soeben stieg der chinesische Konzern Dongfeng bei PSA Peugeot Citroën ein. Der Autohersteller steckt infolge der Abhängigkeit vom eingebrochenen europäischen Automarkt und einer auf Klein- und Mittelklasse-Wagen ausgelegten Strategie in der Krise. Seit einer Verschmelzung mit Holcim verlagerte der Betonkonzern Lafrage seinen Sitz in die Schweiz. Der französische Werbekonzern Publicis könnte mit dem Rivalen Omnicom zusammengehen und sich in den Niederlanden ansiedeln.

"Fundamentales Misstrauen"

Obwohl sich Hollande und sein neuer Premierminister Manuel Valls gegen Widerstände in der eigenen Partei der Stärkung der Industrie verschrieben haben und deren Wettbewerbsfähigkeit durch milliardenschwere Abgabenerleichterungen erhöhen wollen, wird ein Unternehmer-feindliches Klima beklagt. Als problematisch gelten ein stark reglementierter Arbeitsmarkt, eine wechselhafte Steuerpolitik und vergleichsweise hohe Stückkosten. Die Autoren einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung sehen in Frankreich "kulturell ein fundamentales Misstrauen gegenüber den Märkten und einen weit verbreiteten Glauben daran, dass das Staatshandeln ein effizienter Weg ist, um die Wirtschaft zu lenken und Probleme zu lösen". Doch alles kann der Staat eben nicht.

Dabei gibt es Unternehmer, die die Initiative ergreifen. So ging Jean-Christophe Prunet, Leiter der französischen Filiale des deutschen Elektronikkonzerns Rohde & Schwarz, das Problem an, dass der Nachwuchs oft wenig qualifiziert ist: In Frankreich leidet die Berufsausbildung unter dem schlechten Image einer zweiten Wahl für diejenigen, die am Studium scheitern. So schuf Prunet landesweit das Konzept der "Klasse im Unternehmen", bei dem diese regelmäßig Schulklassen empfangen, die in ihrem Lehrplan einige Stunden zwanglose Betriebsbesichtigung einbauen. "Das ist eine unkomplizierte Möglichkeit, Schüler für die Arbeit im Betrieb zu interessieren", erklärt Prunet. "Und sie funktioniert." Allem "French Bashing" zu Trotz.