Kiew. "Mein Haar riecht noch nach dem Rauch der Revolution", singt die Sängerin, Schauspielerin, Aktivistin und Lebenskünstlerin Olja Titova. Sie steht mit ihrer Country-Gitarre am Kiewer Maidan vor einem Stapel Autoreifen, sieht in ihrem Camouflage-Outfit und mit ihren in den ukrainischen Landesfarben Gelb und Blau zusammengebunden Haaren aus wie eine erwachsen gewordene Pippi Langstrumpf, die bereit ist, singend und trällernd in den Krieg zu ziehen. Olja Titova kommt aus Odessa, ihre Muttersprache ist Russisch, ihr ethnischer Hintergrund ebenso. Aber die 38-Jährige ist überzeugte Ukrainerin, sie war von den ersten Tagen des Protests an am Maidan und hat dort "überwintert", wie sie sagt. Dies sind die Tage des Triumphs für die Maidan-Aktivisten: Am Sonntag wird in der Ukraine ein neuer Präsident gewählt, und es sieht so aus, als wären die Tage der Ukraine als russischer Satellitenstaat gezählt. Nach dem Sturz des Moskau-treuen Wiktor Janukowitsch zog der Übergangspräsident Oleksandr Turchynov in den Präsidentenpalast ein. Auf ihn wird wohl der Schokolade-Oligarch Petro Poroschenko folgen. Julia Timoschenko ist so gut wie chancenlos, erst recht, nachdem der Ex-Box-Champion Witali Klitschko das Handtuch für die Präsidentenkampagne geworfen hat und stattdessen für das Bürgermeisteramt von Kiew kandidiert und seinen Fans und Anhängern empfohlen hat, für Poroschenko zu stimmen.

Die Anspannung der vergangenen Wochen und Monate - nach der Annexion der Krim durch Russland und den Sezessionsbestrebungen von Separatisten in der Ost-Ukraine - ist ein wenig gewichen: Die Separatisten von Donezk, Luhansk und Charkiw kommen nicht recht von Fleck und zuletzt zog offenbar auch der russische Präsident Wladimir Putin seine schützende Hand über den Separatisten weg: Hieß es bisher stets, dass man die ukrainische Regierung selbst nach den Wahlen für illegitim hält, hat Putin nun eine Anerkennung des Votums in Aussicht gestellt. Russland werde "die Entscheidung des ukrainischen Volks respektieren", sagte der russische Präsident am Freitag bei einem Wirtschaftsforum in St. Petersburg.

"Die Wahl, das ist das, wofür wir gekämpft haben", sagt Sängerin Titova. Der Maidan habe die Ukrainerinnen und Ukrainer zusammengeschweißt und Hoffnungen geweckt. "Wir würden uns wünschen, dass die Politik mehr mit uns kommuniziert", sagt sie. Der sehnlichste Wunsch sei der nach Normalität, sagt Olja - nicht erst seit der Orangen Revolution 2004 kommt die Ukraine nicht zur Ruhe -, und nach wirtschaftlicher Perspektive: Das Bruttosozialprodukt beträgt gerade einmal 3867 Dollar pro Kopf (Russland 14.037 Dollar, Polen 12.710 Dollar, Weißrussland 6685 Dollar).