Alex Salmond konnte nicht gewinnen. - © ap/Devlin Photo Ltd
Alex Salmond konnte nicht gewinnen. - © ap/Devlin Photo Ltd

Glasgow/London. Sechs Wochen haben Schottlands Nationalisten noch, um ihre Landsleute vom Vorteil staatlicher Eigenständigkeit zu überzeugen. Leicht fällt ihnen diese Überzeugungsarbeit nicht. Während die Fürsprecher der Trennung von England auch in den neuesten Umfragen klar hinten liegen, ist es ihrem Wortführer - dem schottischen Regierungschef Alex Salmond - nicht gelungen, bei der ersten großen Fernsehdebatte die Unentschiedenen auf seine Seite zu ziehen.

Die Debatte zwischen Salmond und dem Anwalt der gesamtbritisch-blauweißroten Gegenseite, dem früheren Labour-Schatzkanzler Alistair Darling, erwies sich überraschend als eine verpasste Chance für die Nationalisten. Salmond, der eigentlich als der bessere Redner gilt, wirkte müde. Seine Anhänger hatten gehofft, die Kluft zu schließen, die sie von ihren süßesten Träumen trennt. Viel Zeit bleibt ihnen nicht. Die Volksabstimmung, die Schottland erstmals die Chance zur Unabhängigkeit bietet, findet am 18. September statt - und ein Ja zur Trennung hätte weitreichende Folgen. Den letzten Umfragen zufolge lehnen 48 Prozent der Schotten einen Alleingang ab. 41 Prozent sind für Unabhängigkeit, während 11 Prozent sich noch immer nicht entscheiden können.

Die Debatte galt als Einstieg in die "heiße" Phase der Schlacht. Hitzig war sie jedenfalls. Darling warf Salmond vor, bei seinem Feldzug für Unabhängigkeit immer nur "mit Mutmaßungen, Daumendrücken und blindem Glauben zu operieren". Salmond beschuldigte Darling, 2008 als Finanzminister den Kollaps der Wirtschaft verursacht zu haben - und darum über keinerlei Wirtschaftskompetenz zu verfügen. Um die wirtschaftliche Zukunft Schottland und die konkreten Aussichten mit oder ohne Union ging es bei dem Schlagabtausch vorwiegend.

Darling hatte hier Oberwasser. Er rüttelte an der Selbstgewissheit Salmonds: Dieser könne den Wählern nicht sagen, welche Währung er einem unabhängigen Schottland bescheren wolle, meinte Darling. Seine Idee einer Währungsunion mit England hätten alle anderen Parteien abgewiesen. Nun habe er finanzpolitisch "keinen Plan B" vorzuweisen. Seine Vorstellungen von Schottland als ein Pfund-Zonen-Anhängsel, ohne Einfluss auf die Zentralbank in London, sei "Unfug auf Stelzen". Salmond hatte sichtlich Probleme, diesen Angriff zu parieren, zumal die Einführung des Euro derzeit auch im europafreundlichen Schottland als No-Go gilt. Er berief sich immer nur wieder darauf, "die beste Lösung" für sein Land anzustreben.

Kurzfristig kam auch Darling ins Schleudern, als Salmond ihn fragte, ob er den Schotten keinen Erfolg als eigene kleine Nation zutraue. Und warum, zum Kuckuck, Gegner der Unabhängigkeit den Leuten immer einredeten, nach einem Ja am 18. September müssten sie auf der rechten Straßenseite fahren. Das sei eine "Politik der Angstmacherei", so Salmond. Für Darling war klar, dass es "keinen Weg zurück" gebe nach einer Trennung vom restlichen Königreich. Die Risiken seien zu groß, beharrte der Ex-Schatzkanzler. Über diese Frage dürfen sich die Schotten die nächsten sechs Wochen weiter die Köpfe zerbrechen.

Im Falle eines unabhängigen Schottlands würde sich auch die Frage stellen, ob Schottland der EU beitreten könnte. In diesem Punkt ist zwischen London, Edinburgh und Brüssel ein heißer Streit entbrannt. Die schottischen Nationalisten waren immer überzeugt davon, dass ihr Land als souveräne Nation einfach EU-Mitglied bleiben würde. Dem wird in London heftig widersprochen. Für die Regierung Cameron wäre klar, dass sich die Schotten neu um eine EU-Mitgliedschaft bewerben müssten. Ein solcher Aufnahmeprozess werde "Jahre" dauern.