Ausgelassener Jubel herrschte im Lager der Unionisten. - © reu/Martinez
Ausgelassener Jubel herrschte im Lager der Unionisten. - © reu/Martinez

Edinburgh. Aus der "neuen Morgendämmerung", die Alex Salmond seinem Land versprach, ist also nichts geworden. Als der schottische Regierungschef und Vorsitzende der Schottischen Nationalpartei (SNP) am Freitag um Viertel vor vier in seiner Heimat Aberdeenshire ins wartende Flugzeug kletterte, wollte die finstere Nacht über Schottland kein Ende nehmen.

Böse Zungen spekulierten darüber, wohin Salmond wohl fliegen werde. Schottlands Regierungschef flog natürlich nach Edinburgh. Aber er wusste zu diesem Zeitpunkt schon, dass er die Schlacht verloren hatte und dass Edinburgh nicht Sitz einer souveränen Regierung werden würde.

Als zwei Stunden später die schottische Hauptstadt als eine der letzten Regionen ihr Abstimmungsergebnis beim Unabhängigkeits-Referendum bekanntgab, bestätigte sich nur der Trend der vorigen Ergebnisse. Edinburgh, unter seinen Zinnen, Türmen und feinen Bürger-Burgen, stimmte mit 61 zu 39 Prozent gegen die SNP-Morgendämmerung. Landesweit waren am Ende 55 Prozent gegen Unabhängigkeit und 45 Prozent dafür. Von den städtischen Zentren waren es nur Glasgow und Dundee, in denen die Befürworter eines nationalen Alleingangs auf (knappe) Mehrheiten kamen.

Kurzer "Marsch zur Freiheit"

Bitter enttäuscht waren die Befürworter einer Loslösung Schottlands nach Bekanntgabe des Ergebnisses. - © ap/Rousseau
Bitter enttäuscht waren die Befürworter einer Loslösung Schottlands nach Bekanntgabe des Ergebnisses. - © ap/Rousseau

Am Ende marschierte Schottlands Bürgerschaft geschlossen auf, um ihre Verbindung mit dem Vereinigten Königreich zu wahren. Schottlands Working Class, eher in Unabhängigkeit ihr Heil suchend, war nicht im gleichen Umfang zu mobilisieren - obwohl die Gesamtwahlbeteiligung rekordhoch bei 85 Prozent, lag.

Dabei hatten die Fürsprecher schottischer Unabhängigkeit am Wahltag noch einmal alles darangesetzt, ihre Landsleute an die Urnen zu bringen. Im Edinburgher Stadtteil Craigmillar etwa führte ein Dudelsackspieler alle paar Stunden Gruppen williger "Yes"-Wähler pustend, pfeifend und trötend zum Wahllokal.

"Macht mit bei unserem kurzen Marsch zur Freiheit", verkündete dazu ein Poster im Peffermill-Court-Wohnblock, wo der "Marsch" jeweils begann. Und: "Lasst uns heute alle gute Bravehearts sein!"

Taxifahrer in Dundee transportierten Wähler kostenlos zu den Urnen - solange die Betreffenden für Unabhängigkeit stimmten oder sich wenigstens in Gespräche über ihre Wahlpläne verwickeln ließen. Aus Lautsprechern in Glasgow dröhnte noch einmal freundliche Ermunterung. Bahnpassagiere, die in Edinburgh Waverley eintrafen, berichteten von Zugdurchsagen auf Höhe der englisch-schottischen Grenze, mit denen sie von einem kecken Stewart der East Coast Line zum "heutigen Unabhängigkeitstag" willkommen geheißen wurden: "Unsere Zug-Bar hält köstliche Getränke zum Feiern für Sie bereit."

Verwirrung bei Stimmabgabe

- © WZ Online
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Zu diesem Zeitpunkt, als die Schotten überall brav in die Wahllokale trotteten, hatte sich dichter Nebel auf Edinburgh gesenkt. Fast war es, als ob der Stadt im Zentrum des Referendums-Trubels und ihren Bewohnern vollends die Orientierung genommen werden sollte. Amüsiert hatte die Betreiberin einer Teestube von einer Besucherin erzählt, die bei ihr einen Tee bestellte, dann sagte, sie nehme vielleicht lieber Kaffee, und sich dann doch noch für Tee entschied.

"Sorry", jammerte die Unschlüssige, "diese Politik hier treibt mich noch völlig zum Wahnsinn." Das traf die Sache ziemlich genau. Später, bei der Stimmenauszählung, sollten Wahlleiter mehrerer Regionen bestätigen, dass viele Stimmzettel ungültig waren, weil Wähler das Ja- und die Nein-Kästchen gleichzeitig angekreuzt hatten.

Dabei hatten die beiden Hauptkontrahenten der Schlussphase der Wahlkampagne, Salmond fürs Ja-Lager und Labours Ex-Premierminister Gordon Brown fürs Nein, einander noch bis zur Öffnung der Wahllokale mit schwerem Herzen und mit mächtigen linken Haken aus dem Feld zu schlagen versucht. Salmond versuchte es mit seiner Beschwörung der "neuen Morgendämmerung" - vermutlich für immer nebelfrei - für sein unabhängiges Schottland. "Ein Land größeren Wohlstands, aber auch größerer sozialer Gerechtigkeit", versprach er Unabhängigkeits-Wählern. Der Wahltag, meinte er stolz, werde "ein Tag, den Schottland nie vergessen wird".

Dass es ein Tag würde, den Salmond niemals vergessen sollte, stellte Gordon Brown, sein Widersacher im No-Lager, sicher.

Unterdessen beginnt sich die ganze Geschichte schnell auszuweiten. Gleichberechtigte Behandlung von Wales, Nordirland und vor allem England wird plötzlich gefordert. Schon steht Ukip-Chef Nigel Farage bereit, um sich als "Stimme Englands" anzubieten. "Was Schottland recht ist, muss uns Engländern billig sein", meint auch der konservative Abgeordnete und Ex-Minister John Redwood, der "ein englisches Parlament" haben will. Es sei deutlich zu spüren, hat Redwood seinem Partei- und Regierungschef zu verstehen gegeben: "Es gibt eine neue Stimmung im Land."

Farage als "Stimme Englands"

Die hat auch David Cameron entdeckt. Vor der Tür von No 10 Downing Street verkündet er: "Wir haben die Stimmen Schottlands gehört. Jetzt wollen Millionen Stimmen in England gehört werden." In Belfast sagte der unionistische Regierungschef Peter Robinson anschließend: "Alle Nationen in der Union müssen natürlich beteiligt sein." Carwyn Jones, der Erste Minister in Wales, machte klar: "Wir wollen nicht zweite Geige spielen."