Am 11. September gedenken die Katalanen ihrer Tragödie, als vor 300 Jahren das katalanische Königreich im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs seine Sonderrechte verlor. 1,8 Millionen Menschen demonstrierten dieses Jahr in Barcelona für das Recht auf Abstimmung. Die Menschenmasse formierte sich zu einem elf Kilometer langen ‚V‘, das für "Vote", die Abstimmung, stehen sollte. Inmitten der Masse klettert ein kleiner Junge hurtig an die Spitze eines Castells. Er hebt die Hand in die Höhe, als er den Gipfel der menschlichen Pyramide erreicht. Dann rutscht der Bub entlang der Körper wie an einem Baumstamm nach unten. Auch Chef-Casteller Francolí aus Gràcia war dabei. Seit seinem 15. Lebensjahr ist er Independentist. Er ist überzeugt, kleine Länder funktionierten besser. Seit Jahren versuchten die Katalanen sich mit Spaniens Regierung zu einigen, doch diese hintergehe die Katalanen nur, so Francolí, der unterstreicht, dass Katalanen anders seien als etwa Andalusier. Einen Monat später zünden am spanischen Nationalfeiertag Rechtsextremisten katalanische Flaggen an und rufen zu Gewalt auf, sollte das Referendum nicht verhindert werden.

Doch Madrid ist nicht für alles verantwortlich. Die 2010 in Barcelona abgelöste Dreiparteien-Regierung aus Sozialisten, Linken und Grünen sei für die finanzielle Lage mitverantwortlich, räumt Mas’ Parteikollege Josep Rull ein. Auch was Korruption angeht, steht Katalonien dem Rest Spaniens in nichts nach. Laut einer Analyse der EU-Kommission ist Katalonien sogar die korrupteste Region des ganzen Landes. Trotzdem glauben die Katalanen, ohne Spanien besser dran zu sein. Diese Gefühle seien manipuliert, sagt Maria Teresa Gimenez von der liberalen Partei UPyD, die gegen die Abspaltung eintritt. Unabhängigkeitskritiker sind in TV-Debatten kaum präsent und in der Schule werde die Sprache für die Indoktrination des katalanischen Nationalismus missbraucht, beklagt Gimenez. "Wir leben in einem fast totalitären Klima", meint die Politikerin.

Madrid schickt zusätzliche Polizisten nach Katalonien


Um eine Nation zu konstruieren, braucht es mehr als Improvisationsgabe und die heiße Luft, mit der Mas’ den nationalistischen Wind zu einem immer mehr außer Kontrolle geratenden Sturm angefacht hat. Er steht unter dem Druck separatistischer Organisationen, die die Bevölkerung zu zivilem Ungehorsam aufrufen. Unklar ist auch, ob es Mas im Falle von Neuwahlen gelingt, die linksnationale ERC auf eine gemeinsame Liste unter seine Führung zu bringen.

In Madrid scheint man sich indes auf turbulente Zeiten einzustellen: 400 Polizisten wurden in die Region abkommandiert, um staatliche Gebäude zu beschützen. Gleichzeitig zieht die Zentralregierung alle juristischen Register. Auch die alternative Befragung will Rajoy gerichtlich verhindern. Doch er wird ein politisches Problem nicht mit juristischen Mitteln lösen können. Kommt es tatsächlich zu vorgezogenen Neuwahlen in der Region, zöge laut aktuellen Umfragen die ERC unter Oriol Junqueras als stärkste Kraft ins katalanische Parlament ein. Mit ihm hätte Madrid einen wesentlich kompromissloseren Gesprächspartner in Barcelona sitzen.

Dabei gerät in den Hintergrund, dass ein dritter Weg die Situation entschärfen könnte. Eine Mehrheit der Katalanen wäre für einen Verbleib in Spanien, wenn Madrid mehr Kompetenzen an die Region abgibt. Doch Rajoy möchte mit solchen Zugeständnissen seine Wählerschaft rechts der Mitte nicht vergraulen.