London. Die Uhr tickt. Dies ist vielleicht der letzte Tory-Parteitag vor einem historischen Volksentscheid, der zum Austritt Großbritanniens aus der EU führen könnte. Noch hat Premierminister David Cameron zwar nicht angegeben, wann er sein Referendum zur weiteren EU-Mitgliedschaft abhalten will. Verpflichtet hat er sich nur dazu, die Sache "vor Ende 2017" hinter sich bringen. Wettbüros und politische Beobachter tippen aber schon aufs kommende Jahr, und möglicherweise auf September. Falls das korrekt wäre, bliebe nicht mehr viel Zeit für eine Kursvorgabe Camerons aufs Referendum hin.

Entsprechende Nervosität kennzeichnet den diesjährigen Parteitag der Tories. Zumal die Zeichen für einen Stimmungsumschwung "gegen Europa" sich mehren und die Anti-EU-Truppen auch im konservativen Lager sich bereits formieren. Und zumal Zweifel daran wachsen, dass der Regierungschef am Ende noch das Steuer herumreißen könnte, wenn er das Schiff zu lange auf unbestimmtem Kurs treiben lasse. Mit "schlafwandlerischer" Zielsicherheit, urteilt die nationalkonservative Londoner "Times", halte Cameron auf den EU-Exit zu. Der Premier selbst dementiert, dass dies das Ziel seiner Reise sein soll. Es bestehe "gar kein Zweifel" daran, dass Großbritannien von seiner EU-Mitgliedschaft profitiere, hat er am Rande des Parteitags gesagt.

Zugleich hat er freilich eingeräumt, er könne "nicht garantieren", dass er von der EU wirklich die britischen Sonderrechte und die "grundlegende Reform der EU" erhalten werde, die für ihn Voraussetzung für ein Ja zu weiterer EU-Zugehörigkeit sind. Bei aller "begreiflichen Frustration" in der Partei könne er sich erst nach Abschluss der Verhandlungen für ein Ja oder ein Nein entscheiden, erklärt Cameron den Seinen. Ein spätes Ja aber, fürchten Pro-Europäer im Tory-Lager, wäre womöglich zu spät.

Denn: Neueste Umfragen deuten schon jetzt auf eine stetig wachsende Anti-EU-Stimmung im Lande hin. Erstmals haben gleich mehrere repräsentative Meinungsumfragen ein knappes Nein zum Verbleib in der EU vorausgesagt. Vor allem die Angst vor Massen-Zuwanderung und Flüchtlingsströmen verstärkt den Wunsch nach Absetzung von Europa, nach dem Hochziehen aller Zugbrücken im Inselbereich.

Mehr EU-Gegner als Anhänger


In der Konservativen Partei selbst ist die Neigung zum Austritt noch ausgeprägter als in der Gesamtbevölkerung. Und in der Unterhaus-Fraktion der Tories gibt es mehr entschiedene EU-Gegner als leidenschaftliche Fürsprecher der EU. Im Kabinett flirten laut "Sunday Times" bereits acht Minister mit einem "No" zu Europa. Vor wenigen Tagen erst wurde der langjährige frühere Schatzkanzler Margaret Thatchers, Nigel Lawson, zur Galionsfigur der konservativen Neinsager bestellt. Er wird für einen Austritt aus der EU werben. Während die Pro-Europäer zögern, beginnen die zum Austritt Entschlossenen "Nägel mit Köpfen" zu machen. Leute wie Lord Lawson oder Camerons früherer Verteidigungsminister Liam Fox, ein anderer Parteirechter, sehen in der Tat keine Chance mehr für Cameron, mit der EU einen Deal zu schließen, der Unterstützung verdiente. Weder zu substanziellen Kompromissen noch zu ernst zu nehmenden Vertragsänderungen vor dem Referendum, prophezeien sie, seien die EU-Partner bereit. Mit leeren Händen werde Cameron vor die Wählerschaft treten. Schon jetzt zeichne sich für ihn ein Fiasko ab.