"Wer bei der Bewerbung im Lebenslauf eine schlecht angesehene Banlieue als Wohnort angibt und dann noch einen ausländisch klingenden Namen hat, wird sofort aussortiert", sagt Tithrith Kasdi, die selbst im Alter von 13 Jahren aus Algerien nach Frankreich kam. Viele gleiten schon als Teenager in Kleinkriminalität und Drogenhandel ab.

Zunehmend gelten die Banlieues auch als Brutstätten für radikalen Islamismus. Einer der Attentäter der Pariser Terror-Anschläge vom Jänner war in einem "Problemviertel" aufgewachsen. Premierminister Manuel Valls warnte vor der "territorialen, sozialen und ethnischen Apartheid".

Doch was unternimmt die Politik gegen die Ausgrenzung? Bereits nach den Unruhen von 2005 und 2007, als sie erneut aufflammten, versprach der Staat, sich endlich um die Misere in den Vorstädten zu kümmern. In seinem Wahlprogramm hatte François Hollande versprochen, diese zur Priorität zu machen. Diejenigen, die dort überhaupt zur Wahl gingen, stimmten überwiegend für den Sozialisten. Doch bei einem Besuch in La Courneuve erntete der Präsident nun Buhrufe. "Wann kommt er, der Wechsel?", rief ein Mann.

Dabei hat sich auch einiges getan. So gründeten sich zahlreiche Initiativen von Bewerbungshilfen über kulturelle Projekte. Im Rahmen eines umfangreichen Stadtrenovierungsprogramms reißt der Staat baufällige Plattenbauten ab und ersetzt sie durch maximal fünfstöckige Häuser. Clichy-sous-Bois verfügt inzwischen über eine Polizeiwache, ein Arbeitsamt und ein Schwimmbad - an alledem fehlte es lange ausgerechnet dort, wo Kriminalität und Arbeitslosigkeit etwa um das Doppelte über dem Landesdurchschnitt liegen. Viel erhofft man sich zudem von der Eröffnung einer Tram-Linie 2018. "Die Menschen wissen, dass wir daran arbeiten, die Dinge zu verbessern", versichert Bürgermeister Olivier Klein. "Aber sie wollen heute besser leben, nicht erst in zehn Jahren."

Die Banlieues bleiben ein Pulverfass, warnt Ouamar Benikene: "Wenn eine neue Eskalation verhindert wird, dann nur dank der Vereine und Ehrenamtlichen." Der 34-Jährige arbeitet in einem Freizeitzentrum gut 30 Kilometer südlich von Paris. Es bietet Aktivitäten und Ausflüge für Jugendliche an, die dazu sonst kaum die Möglichkeit haben. Eltern und Lehrer seien häufig überfordert, die Gesellschaft sehe weg. "Die Welt hat 2005 die Banlieue entdeckt, dabei war es verwunderlich, dass es nicht schon viel früher gekracht hat", sagt er. Inzwischen, so scheint es, hat die Welt die Banlieue wieder vergessen. Bis es wieder kracht?

Der Ausländer-Anteil in Frankreich liegt bei weniger als elf Prozent. Allerdings verbietet das Gesetz Statistiken über die ethnische Herkunft oder die Glaubenszugehörigkeit. Deshalb lässt sich die Zahl von Franzosen mit Migrationshintergrund kaum ermitteln. Viele von ihnen stammen aus den ehemaligen Kolonien in Nord- und Schwarzafrika - aus Algerien, Marokko oder der Elfenbeinküste. Sie stellen auch die überwältigende Mehrheit in den als soziale Brennpunkte verrufenen Banlieues, wie die Vororte der größeren Städte heißen. Während es auch reiche Luxus-Vorstädte wie Neuilly-sur-Seine oder Saint-Germain-en-Laye im Westen von Paris gibt, befinden sich die als "sensibel" geltenden Vororte vor allem im Norden und Nordosten sowie im Südosten. Gewalt und Kriminalität, Verwahrlosung, Arbeitslosigkeit und Armut sind hier besonders hoch. Menschen mit Migrationshintergrund klagen über Diskriminierung. Die Probleme ziehen großes Misstrauen vieler Franzosen gegenüber Einwanderung nach sich. Politisch profitiert davon vor allem der rechtsextreme Front National. Vor diesem Hintergrund zeigt sich die Regierung zurückhaltend bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Gut die Hälfte der Franzosen spricht sich dagegen aus. Paris will im Rahmen des EU-Verteilschlüssels 30.000 Asylbewerber empfangen. Bei der Zahl der Asylanfragen befindet sich Frankreich europaweit auf dem vierten Platz mit 64.000 im Jahr 2014. Davon wurden nur 22 Prozent akzeptiert. Mit der Unterbringung der Flüchtlinge zeigt sich das Land überfordert: Da es an Unterbringungsmöglichkeiten mangelt, leben viele in Obdachlosen-Heimen oder auf der Straße.

Migration und Asyl in Frankreich