Aber wie viel sagt das wirklich aus? Bruno Kreisky stammte aus dem Wiener Großbürgertum, trotzdem machte er Politik für das Proletariat.

Stimmt. Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel: Gerhard Schröder (Kind einer alleinerziehenden Mutter, die Familie war auf Sozialhilfe angewiesen. Schröders Amtszeit war von Kürzungen staatlicher Leistungen geprägt, Stichworte Agenda 2010 und Hartz IV, Anm.). Krasser als Schröder und Kreisky könnte der Vergleich kaum ausfallen. Aber es gibt trotz solcher Einzelfälle statistisch einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Einstellung. Bis zur Jahrtausendwende gab es in Deutschland wie in Österreich und Skandinavien eine relativ offene politische Elite, die kleinbürgerlich geprägt war und immer mit einem erheblichen Anteil an Arbeiterkindern. Im Vergleich zu bürgerlichen Regierungen haben sie in der Regel damals eine sozialere Politik gemacht.

Die US-amerikanische politische Klasse gilt als elitär...

Die USA sind das Land mit den größten Ungleichheiten. Mit dem Amtsantritt von Ronald Reagan im Jahr 1981 haben sich zwei Dinge radikal verändert: Erstens die Steuerpolitik und damit die Einkommensschere, denn die geht seitdem dramatisch auseinander. Zweitens die Rekrutierung der wichtigen Kabinettsmitglieder, die vorher mehrheitlich aus der Mittelschicht und der Arbeiterschaft stammten. In den Kabinetten von Ronald Reagan und George Bush Senior kamen auf einmal 85 Prozent von ihnen aus der oberen Mittelschicht und der Oberschicht. Die radikal neue Steuerpolitik, die folgte, wurde also von Kabinetten beschlossen, die eine völlig andere soziale Zusammensetzung hatten als vorher. Neue US-Studien zeigen: Wenn sich die Meinung der Bevölkerungsmehrheit und der Reichen unterscheidet, setzen sich die Reichen durch. Im Kongress sind mittlerweile mehr als die Hälfte der Abgeordneten Millionäre. Die stimmen entsprechend ihrer sozialen Lage ab. Das Sein prägt das Denken von Leuten und das dann ihr Verhalten. Wenn politische und wirtschaftliche Eliten eng verbandelt sind, bestätigt man sich die Positionen außerdem untereinander immer wieder.

Sie haben den steuervermeidenden Apotheker erwähnt. In den Achtzigerjahren meinte man, mit der Reagan-Revolution eine Revolte der Eliten zu erkennen.. .

Das stimmte schon damals nicht so ganz, denn man hat anfangs einen erheblichen Teil der Normalbevölkerung "mitgenommen". Wenn man sich die britische Premierministerin Margaret Thatcher und den US-Präsidenten Ronald Reagan ansieht, hatten die Erfolge, weil sie auch Facharbeitern und mittleren Angestellten einiges versprochen haben. Von der Steuerpolitik profitierten zwar vor allem die Reichen, aber in den Anfangsjahren eben auch Teile der Mittelschicht. Als die dann nicht mehr gebraucht wurde, war es vorbei mit den Vergünstigungen. Kulturkampf spielte auch eine Rolle. Von den Achtundsechzigern mit ihrem Kiffen, ihrer Promiskuität und ihrer Sympathie für die Minderheiten wollte man sich absetzen. "Wir sind weiße, tüchtige Arbeiter" - dieses Gefühl hat Reagan erfolgreich angesprochen.

Wie erklären Sie sich diese derzeitige Anti-Establishment-Stimmung?

Heute herrscht diese diffuse Angst: "Die nehmen uns unser Land weg." In den USA fürchtet man die Hispanics und die Schwarzen, in Europa die Flüchtlinge. Historisch ist es oft so: Wenn sich die Lage materiell verschlechtert, entstehen Verlustängste. Mich erinnert das sehr an die Zeit, als die Aussiedler aus der Ex-UdSSR nach Deutschland kamen. In meiner konservativen Heimatstadt Paderborn entstanden damals sogenannte "Russen-Ghettos". Es gab einen Aufschrei, die Rede war vom Untergang des Abendlandes. Heute spricht keiner mehr darüber. Danach kamen die Kriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien, auch das ist vergessen. Das kann mit den heutigen Flüchtlingen auch so kommen. Das kann niemand im Augenblick sicher sagen.

Gibt es heute einen Aufstand gegen die Eliten?

Seit 1989 ist im Bewusstsein der gesamten Bevölkerung fest verankert, dass das derzeitige Wirtschaftssystem keine Alternative hat. Insofern gibt es keinen wirklichen Aufstand gegen das System. Was es aber gibt, das sind politische Verschiebungen, oft nach rechts, in einigen Ländern aber auch nach links. Das sieht man in den USA. Dort galt der Kapitalismus immer schon als einzige Möglichkeit. Der Erfolg des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders zeigt aber, dass zumindest die Jugend nicht mehr an das Märchen "Vom Tellerwäscher zum Millionär" glaubt. Ein großer Faktor sind dabei die Studiengebühren. Vor 20 Jahren noch konnte man die Kosten für das Studium, auch in Harvard, in einigen Jahren abbezahlen, wenn man wie die Mehrheit einen guten Job abbekam. Seitdem sind die Gebühren kontinuierlich stark gestiegen. Man bekommt die Jobs mehrheitlich aber nicht mehr. Es gibt eine ganze Generation, die merkt, dass ihr etwas versprochen wurde, was nie eingelöst werden wird. Das ist für die USA ein radikaler Wandel. Auch Vermögen und Einfluss der Finanz-Eliten steigen kontinuierlich. Aber über das reichste Prozent wissen wir wenig.

Wieso?

Seit der Abschaffung der Vermögenssteuer hat man in vielen Ländern keine verlässlichen Daten mehr. Man muss auf Umfragen zurückgreifen, das sind nur Stichproben. Die wirklich Reichen werden dabei überhaupt nicht erfasst, es gibt allenfalls Schätzungen. Dazu kommt, dass viel Geld in den Steueroasen landet. Über die Summen kann man nur spekulieren, vor allem in der Karibik. Viele reiche Deutsche gehen in die Schweiz, weil man dort den Steuersatz individuell verhandeln kann. Von den 300 reichsten Personen in der Schweiz ist jeder fünfte ein Deutscher. Die Aufregung darüber hält sich in Grenzen. Vermögen spielt in der öffentlichen Debatte nicht so eine Rolle. Ob einer zehn Milliarden hat oder fünfzig ist für die Normalbevölkerung nicht mehr erfahrbar. Einkommen sind da greifbarer. Wenn ein Manager siebzehn Millionen Einkommen hat, schreien alle auf. Gleichzeitig kassieren die Quandt-Geschwister bei BMW 815 Millionen Euro Dividende - darüber wird kaum berichtet.