Wie beurteilen sie die politische Lage in Deutschland nach der Wahl?

Meine Leitlinie für die Jamaika-Verhandlungen nenne ich ein Programm verantwortungsvoller Bürgerlichkeit. Die SPD und die Linken sind in Opposition, die extremen Rechten der AfD sitzen mit 94 Sitzen im Bundestag. Der Bürgerblock der Mitte aus CDU und FDP muss also ein Programm der verantwortungsvollen Bürgerlichkeit umsetzen. Ich hoffe auf die Umsetzung von Infrastrukturprojekten und auf eine Öffnung der nationalstaatlichen Politik für Europa. Man muss die europäische Gesellschaft in den Blick nehmen und Außenpolitik als Welt-Innenpolitik begreifen und gewissermaßen aus dem Auswärtigen Amt in Deutschland ein Ministerium für globale Entwicklung machen. Denn wir sollten allmählich begreifen, dass wir uns nicht in unser gemütliches Deutschland oder Österreich zurückziehen und einfach die Tür hinter uns absperren können.

Die Liste der autokratischen Führungsfiguren wird immer länger, der Ausblick für die Welt scheint düster. Sind sie eigentlich froh, dass Sie in den 1960ern jung waren und nicht jetzt?

Am besten schreiben Sie das so auf: "Herr Leggewie spontan: Ja! (lacht). Herr Leggewie berichtigt sich aber sogleich. Herr Leggewie hat nämlich eine Tochter und Enkel und ist deswegen überhaupt nicht froh. Und deshalb versucht Herr Leggewie – wenn auch ohne transhumanistische Therapie – so alt zu werden wie nur irgendwie möglich, und Herr Leggewie wird, wie er sagt, seinen kämpferischen Geist nicht aufgeben."

Es umwölkt sie also Sorge?

Unbedingt. Ich habe 2016 das Buch "Anti-Europäer - Breivik, Dugin, al-Suri & Co." fertiggestellt. Uns muss eines klar sein: Europa hat viele Feinde. Europa ist pazifistisch bis in die Knochen. Aber uns muss bewusst sein, dass wir von Feinden umzingelt sind, die Europa ans Leder wollen. Die Autokraten, die uns schlaflose Nächte bereiten – Russlands Präsident Wladimir Putin oder der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan – wollen unseren Untergang. Selbst US-Präsident Donald Trump macht nicht unbedingt den Eindruck, als liege ihm das Wohl des europäischen Kontinents besonders am Herzen. Etwas anderes ist es mit dem chinesischen Präsidenten: Xi Jinping strebt an, dass das Reich der Mitte wieder zu einer führenden Weltmacht wird und die USA eines Tages als wichtigste Supermacht beerbt. Um das zu erreichen, versucht China Europa als Bündnispartner zu gewinnen. Das war schon in der Zeit von Mao ein erklärtes Ziel. Für Europa ist das durchaus eine Chance, denn mit Putins Russland kann Europa zumindest auf absehbare Zeit nicht konstruktiv zusammenarbeiten. China ist derzeit ein moderierender Faktor im sich zuspitzenden Nordkorea-Konflikt, China hat erklärt, zum Klima-Abkommen zu stehen, und tritt – wie Europa – für den Freihandel ein. Da macht China zwar nicht, weil das Reich der Mitte in Europa verliebt ist, sondern aus Eigennutz. Aber viele europäische Interessen decken sich mit jenen Chinas – daher wird es wohl zu einer weiteren Annäherung kommen.