Wien. Der im Jahr 2010 verstorbene Historiker Tony Judt war einer der bedeutendsten Intellektuellen seiner Zeit. Von Dezember 1994 bis März 1996 lebte er in Wien und war Gast am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM). In seinem Vermächtnis "Nachdenken über das 20. Jahrhundert" erinnert sich Judt an das von Krzysztof Michalski gegründete Institut zurück: "Im Gegensatz zu den meisten derartigen Institutionen hatte man die Freiheit, seine Privatsphäre zu behalten, ohne anstrengende Beiträge zu einer ‚intellektuellen Agenda‘ leisten zu müssen." Diese Freiheit genoss nicht nur Judt, sondern auch dessen intellektueller Erbe Tim Snyder, der Judts Vermächtnis aufgezeichnet hat, und viele andere. Intellektuelle Großzügigkeit ist das zentrale Merkmal dieses Orts, der heute an der Spittelauer Lände zu finden ist. Ob erfahrene Senior Fellows oder junge Wissenschafterinnen und Wissenschafter am Beginn der Karriere: Jeder kann, niemand muss.

Judt erlebte damals noch etwas am IWM, das bis heute gilt: "Worin Michalski superb war, war, ein Medium für intellektuelle Verbreitung zu schaffen. Sein Institut war der ideale Ort, um kluge Leute zu treffen, etwas, das man nicht unterschätzen sollte." Dieses Institut feiert in diesen Tagen sein 35-jähriges Bestehen.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen lud am Montag in die Hofburg zu einem feierlichen Empfang, an dem zahlreiche international renommierte Wissenschafter und langjährige Wegbegleiter und Unterstützer des Instituts teilnahmen - darunter der ehemalige Bundespräsident und nunmehrige ehrenamtliche Präsident des IWM Heinz Fischer, die ehemalige Vize-Präsidentin des Europa-Parlaments Ulrike Lunacek, der frühere tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg und Philanthrop und Investor George Soros.

Nach den Begrüßungsworten von Bundespräsident Van Der Bellen und IWM-Rektorin Shalini Randeria hielt der kanadische Historiker und Rektor der Central European University (CEU) Michael Ignatieff einen Festvortrag vor den rund 150 geladenen Gästen. Ignatieff beklagte die Rhetorik der Demagogen und Populisten, die Mitmenschlichkeit gegenüber Schutzsuchenden zu Naivität oder gar "Verrat am Volk" erklärten. Dies würde die "Seele der Menschen vergiften".

Nach dem Tod von Michalski wurde Shalini Randeria im Jahr 2015 zur neuen Rektorin des IWM berufen. Sie erweiterte sukzessive sowohl die inhaltliche Bandbreite des Instituts als auch die regionale Ausrichtung des Hauses. Neben Zentral- und Osteuropa und Nordamerika stehen heute sowohl die Staaten der ehemaligen Sowjetunion als auch die Länder Asiens und des globalen Südens im Mittelpunkt der Forschung.

Randeria hat eine Reihe neuer Initiativen gesetzt: Gemeinsam mit dem Wien-Museum wird der Karlsplatz an drei Tagen im September zu einem weiträumigen offenen Salon. Beim Heurigen finden die "Science Speed Talks" statt - die früher "Science Speed Dating" hießen, was bei einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Missverständnissen geführt haben soll. Michalski würde es wohl gefallen, wie das Institut heute dasteht. Fest steht, gerade im 35. Jahr des Bestehens braucht Europa heute das IWM, einen Ort des aufgeklärten Diskurses und der kritischen Vernunft, mehr denn je.