"Wiener Zeitung": In Dublins Docklands werden immer mehr neue Büroblocks hochgezogen. Freut die Iren der Brexit? Bereitet sich Irland auf einen Banken-Exodus aus London vor?

John FitzGerald: Wenn bis Dezember keine Übergangsregelung für den Austritt vereinbart ist und alles weiter ungewiss bleibt, muss der im Vereinigten Königreich angesiedelte Finanzsektor in den ersten drei Monaten des nächsten Jahres Entscheidungen treffen. Gibt es im Dezember keinen Deal, werden wir bald einen erheblichen Abzug sehen. Firmen aus aller Welt, nicht nur Finanzfirmen, finden sich jetzt wegen Brexit in Großbritannien in einer schwierigen Lage. Viele werden nach und nach Geschäftsbereiche in die EU verlagern wollen.

Wie groß sind die Erwartungen in Dublin? Kommen da ein paar tausend Jobs auf Irland zu?

Wesentlich mehr als das, würde ich mal annehmen. Langfristig, schätzt man hier, könnte der Zuzug dieser Firmen die irische Wirtschaftskraft um runde drei Prozent erhöhen. Gut, das wäre natürlich ein gradueller Prozess. Nur der Finanzsektor dürfte es eilig damit haben. Er muss sich weiteren Marktzugang zur EU sichern. Er braucht sofortige Sicherheit.

Der Brexit hat ja aber nicht nur sein Gutes für Irland. Von den 27 EU-Partnern Großbritanniens, hört man überall hier in Dublin, wird Irland am meisten unterm Brexit leiden. Einige irische Politiker haben erklärt, der Brexit sei für ihr Land "eine Katastrophe".

Negative Folgen wird das Ganze mit Sicherheit haben. Eine Katastrophe muss es aber nicht sein. Natürlich ist es schwer, Genaues zu den wirtschaftlichen Folgen zu sagen, solange nicht feststeht, wie die künftige Beziehung des Vereinigten Königreichs zur EU aussehen wird.

Gibt es denn Voraussagen für verschiedene Szenarien?

Das Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung hat ja mal kalkuliert, dass Irland wegen Brexit rund vier Prozent seines Bruttonationlandprodukts einbüßen könnte. Ich selbst sehe eine gewisse Bandbreite. Im günstigsten Fall könnte sich beim Abwägen von Plus und Minus ein ganz kleiner Zugewinn ergeben. Falls alles schiefläuft, dürfte Irland dagegen sehr viel mehr verlieren. Es könnte um bis zu acht Prozent schlechter dastehen als zuvor.

Welches sind denn die Entwicklungen, die man in Dublin fürchtet?

Beim Handel und bei Exporten über die Irische See wird sich die Lage verschlechtern. Vor allem, was die Nahrungsmittelproduktion angeht. Irische Farmer werden von den steigenden Kosten am härtesten getroffen werden. Selbst ohne Zölle wird das Volumen der Exporte nach Großbritannien schrumpfen, weil sich dort mit Sicherheit das Wachstum post Brexit verringern wird.