Senzow war 2015 zu 20 Jahren Straflager verurteilt worden. Die russischen Behörden werfen ihm vor, Terroranschläge in seiner Heimatstadt Simferopol, der Hauptstadt der 2014 von Russland annektierten Krim, geplant zu haben. Im Zentrum der Anklage stand der Vorwurf, Senzow sei Kopf einer terroristischen Vereinigung und mit der ukrainischen rechtsextremen Gruppierung "Rechter Sektor", die in Russland verboten ist, im Bunde. Senzow selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, ein Gegner der russischen Annexion der Krim zu sein. Ebenso wenig, dass er das russische Gericht nicht anerkennt - schlichtweg aus dem Grund, weil er als Krim-Bewohner kein russischer, sondern ein ukrainischer Staatsbürger sei und unrechtmäßig nach Russland verschleppt wurde. Doch im Laufe des Prozesses wurde es noch grotesker: Der Terrorismusvorwurf gründete sich maßgeblich auf die Aussage eines ebenso Angeklagten, der jedoch später vor Gericht angab, er sei von den russischen Beamten unter Folter zu seinen Falschaussagen gegen Senzow gezwungen worden.

Während Senzow in russischen Medien als "Terrorist" geschmäht wird, ist es vor allem die Moskauer Underground-Szene, die auf den Fall aufmerksam machen will. Wie im Teatr.doc, einem kleinen Moskauer Dokumentartheater. "Der Krieg ist nahe", heißt das Stück, das vom Krieg in der Ostukraine, der Annexion der Krim und dem Prozess gegen Oleg Senzow erzählt. Nach dem Ende des Stückes stehen die Schauspieler und Aktivisten noch lange zusammen, um zu diskutieren, wie sie Senzow helfen können. Eine Schauspielerin rät, sich auf einer Internetseite selbst die Flugblätter auszudrucken und auf den Straßen zu verteilen. Eine Aktivistin schlägt vor, einen Spaziergang zu organisieren. "Wir müssen doch irgendetwas tun", sagt eine junge Frau. Aber mehr, als ein Zeichen zu setzen - freilich immer unter einem großen persönlichen Risiko -, können auch sie nicht tun.

Macron setzte sich bei Putin
für Senzow ein

Wie es im Fall Senzow weitergehen soll, ist unklar. Unter den Hashtags "freesentsov" und "#saveolegsentsov" haben sich international viele Unterstützer für seine Freilassung eingesetzt. 200 internationale Regisseure haben zuletzt eine Petition für Senzow unterschrieben. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat den Fall direkt gegenüber Putin angesprochen. "Der Hungerstreik ist eine Tragödie", sagt Michael Roth, Staatsminister für Europa im deutschen Außenministerium, zur "Wiener Zeitung". "Es gibt eine klare Erwartungshaltung vonseiten der EU und anderen Vertretern der internationalen Gemeinschaft, Oleg Senzow freizulassen." Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Senzow Ende Juni aufgefordert, seinen Hungerstreik zu beenden - und die russischen Behörden, den Regisseur medizinisch zu versorgen.

Doch eine Verlegung ins Krankenhaus lehnt Senzow ab, sagt sein Anwalt Dmitrij Dinse. Er habe Angst, dort zwangsernährt und misshandelt zu werden. Derweil verschlechtert sich Senzows Gesundheitszustand immer weiter. "Er hat Probleme mit dem Herzen, sein Puls ist schwach und er leidet an Blutarmut", so Dinse gegenüber der "Wiener Zeitung". Seit dem Hungerstreik habe er 30 Kilogramm verloren - aber er sei fest entschlossen, weiter zu hungern.