Hier fallen gewisse Ähnlichkeiten mit der Zeit vor 1914 ins Auge, die der Schriftsteller Stefan Zweig das "Goldene Zeitalter der Sicherheit" nannte. Die letzte wirklich große Erschütterung, die Napoleonischen Kriege, lagen damals bereits hundert Jahre zurück. Europa erfreute sich eines ungeahnten Aufschwungs auf allen Gebieten, eines Zeitalters der Prosperität. Ein florierender Handel schien - trotz des grassierenden Nationalismus - nationale Grenzen und Kriege zunehmend obsolet zu machen. Zumindest die, die es sich leisten konnten, konnten den Kontinent ohne Grenzkontrollen durchqueren.

Gleichzeitig schienen auch die Throne in Europa auf festem Grund zu stehen - Deutschland, die Weltmacht im Wartestand, konnte man sich schwerlich ohne den omnipräsenten Kaiser Wilhelm vorstellen, und auch in Russland und Österreich-Ungarn schienen die Monarchen aller sozialrevolutionären und nationalitätspolitischen Wirren zum Trotz noch relativ fest im Sattel zu sitzen. Auch dass Krieg Not und Schrecken mit sich bringt, war weitgehend vergessen. Der Erste Weltkrieg wurde, als er begann, überall als eine Art reinigendes Gewitter begrüßt. Man erwartete sich Heldentum, rasche Siege und - gerade auch in Russland und Österreich-Ungarn - durch das Fronterlebnis eine Konsolidierung der fragilen Reiche.

Der erste "totale Krieg"

Es kam anders. Dieser Krieg hatte so gar nichts gemein mit den romantischen Vorstellungen von pittoresken Reiterattacken und schnellem Ruhm. In den Jahren vor 1914 waren vor allem Defensivwaffen produziert worden, die einen Bewegungskrieg bald verunmöglichten und die Schlachtfelder in eine Mondlandschaft aus Schlamm und Dreck verwandelten. Die Übermacht der Maschinenwelt machte sich geltend. Der Tod ereilte die Soldaten durch die neu entwickelten Schrapnellgeschosse, durch Kanoneneinschläge und auch Gasangriffe. Hinzu kamen vor allem bei Deutschland und Österreich-Ungarn, den vom Weltmarkt abgeschnittenen Mittelmächten, Hungersnöte, die Hunderttausende dahinrafften.

Auch das zivile Hinterland war betroffen - wenn es auch von Bombenabwürfen noch weitgehend verschont blieb. Der Erste Weltkrieg war im Gegensatz zu früheren bewaffneten Auseinandersetzungen ein echter "Volkskrieg", der erste totale Krieg der Moderne. Die Welt, die nach dieser Extrembelastung entstand, musste eine andere sein.

Dies auch deshalb, weil der Krieg die Gesellschaft in eine Richtung umprägte, die von den Regierungen nicht beabsichtigt war. Die alte Welt mit ihrer Etikette, ihren Privilegien des Adels, ihrem Konservatismus wurde delegitimiert und hinweggespült. Der Umstand, dass Frauen während des Krieges in hoher Zahl in den Rüstungsbetrieben arbeiteten und auch am Feld die fehlenden Männer ersetzen mussten, stärkte deren Wunsch nach Emanzipation. Die städtische Gesellschaft der Zwanziger Jahre hatte mit der sittenstrengen Vorkriegsepoche schon äußerlich wenig gemein. Das Verhältnis der Geschlechter entkrampfte sich nach 1918 rasch, mondäne Frauenidole wie Marlene Dietrich traten in Männerkleidung auf. All das kam einer epochalen Umwälzung gleich, einem Sprung in die Moderne, der sich vor 1914 zwar angekündigt hatte, der aber nun- als sich ständig steigernder Modernisierungsprozess - an Fahrt gewann.