Dem verarmten Adel musste deshalb aber nicht bange sein, die abgebrannten Grafen kamen als Offiziere in der kaiserlichen Armee unter, wo sie erneut Schulden "wie ein Stabsoffizier" anhäufen konnten. Noch heute ist es üblich und wird von der "besseren" Gesellschaft gerne gesehen, wenn männliche Nachfahren von Adeligen den Militärdienst ableisten. Und zwar nicht das Pflichtprogramm, sondern ein Jahr freiwillig. Somit ist eine Laufbahn als Offizier möglich.

Die blaublütige Gesellschaft weiß um ihren Chic

In den Marketing-Abteilungen der österreichischen Lebensmittelbranche weiß man, dass Adel heute wie damals mit Exklusivität, gutem Geschmack und Qualität assoziiert wird. Produkte wie "Bergbaron", "Prinzenrolle" oder "Landgraf" sprechen Bände. Wobei gerade letzteres Produkt klar im Bier-Billigsektor angesiedelt ist und von wenig kaufkräftigem, dafür umso durstigerem Publikum konsumiert wird.

Die adelige Gesellschaft kennt auch 2018 ihren Chic und genießt ihr Prestige. So gibt es jährlich einen Adelsball im böhmischen Karlsbad, wo sich blaues Blut aus ganz Europa trifft. Freifrauen mit großen Hüten und teuer gewandete Herren geben sich im Grandhotel Pupp ein Stelldichein, TV-Stationen sind immer zur Stelle. Auch Bürgerliche dürfen kommen, sofern sie eingeladen sind.

Viel Folklore, aber auch viel demonstrativ an den Tag gelegtes Klassenbewusstsein: Der Münchner Kaufmann Oron-Michael Kalkert, der den Ball organisiert, plaudert gegenüber der "Wiener Zeitung" aus dem Nähkästchen: "90 Prozent des Adels leben sehr zurückgezogen", weiß er, "es wird großer Wert auf Diskretion gelegt." Bei denen, "die dauernd in den Medien" seien, handle es sich mit Sicherheit nicht "um die echten" Adeligen. Diese legen jedenfalls auf die korrekte Anrede bei den schriftlichen Einladungen wert, vor allem in Österreich, so Kalkert. "Du weißt aber schon, dass wir Grafen sind", bekomme er dann im Fall eines Irrtums schriftlich mitgeteilt.

Bälle hatten ursprünglich die Funktion, die Debütantinnen und Debütanten in die adelige Gesellschaft einzuführen. Vor Beginn des Balls kursierten Listen, auf denen ersichtlich war, wer eröffnen wird und ob der eigene blaublütige Spross dort Aussicht auf eine "standesgemäße" Bekanntschaft hat. Heute wird fast jeder Ball von Debütantinnen und Debütanten eröffnet, ohne dass die ursprüngliche Funktion dieser Gewohnheit bekannt wäre.

Laut Kalkert finden auch heute zahlreiche Feiern "auf irgendeinem Schloss, Gutsbesitz oder Herrenhaus" statt, bei denen der Adel privat, exklusiv und ungestört unter sich sein kann. "Da sind dann aber nicht sehr viele Menschen, bloß so 150 Leute. Jeder kennt den anderen", so Kalkert. Aber: Hier ist der Normalsterbliche nicht vertreten.

Trennlinien zwischen Adel und Bürgern verschwimmen

Das Hofzeremoniell ist zwar tot, doch in Kreisen der "besseren" Gesellschaft wird auch heute noch enormer Wert auf ungeschriebene Verhaltensvorschriften gelegt. Denn genau hier ist der Ort, wo sich die Spreu vom Weizen trennt. Wer nicht weiß, wann eine Verbeugung, eine richtige Anrede angezeigt ist, hat in diesen Kreisen verloren. Schnell ist klar, wer "einer von uns" ist und wer nicht.