Das sprechen Sie jetzt zwei Probleme an. Sie haben recht, als Staat kann ich auf große Leitbetriebe nicht verzichten. Ich habe als junger Student eine Arbeit geschrieben, wie viele Zulieferbetriebe in Oberösterreich an der Voest hängen. Das waren damals 800. Da ist das Wohl und Weh einer Region davon abhängig. Ich finde es daher richtig, Leitbetriebe zu unterstützen, so weit das geht. Das zweite Problem: Viele der Manager waren vor der Krise der Meinung, den Staat brauche es nicht. Dann brauchte man sehr wohl und schnell öffentliche Haftungen. Wer hat von der Krise profitiert? Das ist eine gesellschaftspolitisch relevante Frage. Vielleicht stärker die Unternehmen. Das ist dann auch Gegenstand von Lohnverhandlungen. Am Anfang war die Arbeitnehmerseite zurückhaltend, weil sie die Wirtschaft stimulieren wollten. Zuletzt hat man den Spieß aber umgedreht und höhere Abschlüsse nicht nur gefordert, sondern auch erzielt.

Die Verhandlungen werden aber härter und unerbittlicher.

Das ist logisch. Die Arbeitnehmerseite rechnen ja, sie sehen die großen Gewinne der Betriebe. Wobei man auch sagen muss: Mit den Gewinnen fahren die wenigsten Eigentümer in die Karibik, sondern sie reinvestieren in die Betriebe.

Kommen wir zur zweiten Krise, der Fluchtkrise. Sie beschreiben kritisch, wie Österreich damals für zigtausende Flüchtlinge die Grenzen geöffnet hat. Welche Handlungsoptionen gab es, als Tausende zu Fuß aus Ungarn kamen?

Null. Sie können das ja nicht mit Gewalt verhindern. Das ist unmöglich.

Aber Warnungen, dass es eine große Fluchtwelle geben wird, waren weit früher da. Warum hat sich Österreich nicht auf ein geordnetes Resettlement eingelassen?

Weil Österreich schon damals überdurchschnittlich viele Flüchtlinge aufgenommen hatte.

Aber wie konnte Europa das passieren, dass es trotz Warnungen und Beschlüssen der EU-Kommission kein Resettlement gab?

Wegen einer sehr egoistischen Einschätzung der Staaten. Wir haben auch die Fernsehbilder von den Menschen gesehen, die über das Mittelmeer nach Italien gekommen sind. Wir haben gesehen, welche Probleme Italien hat, haben sie aber Italien überlassen. Die Solidarität war bei uns erst ein Thema, als wir gemerkt haben, das bleibt nicht nur in Deutschland hängen, sondern das kommt auch zu uns. Ich bin auch der Meinung, dass man seine Grenzen nicht bedingungslos öffnen kann, weil man sonst als Staat seine Identität verliert. Es muss ein Mittelweg sein. Das Pendel ist dann aber in eine vollkommen andere Richtung ausgeschlagen, und dort stehen wir jetzt.

Sie haben zuletzt die ,Verrohung der Worte‘ angesprochen: Aber als Vizekanzler haben Sie selbst von "Asyl á la carte" gesprochen, wie es später von der FPÖ verwendet wurde. Und auch von der "Festung Europa" haben Sie gesprochen.

Meine Diktion und Einschätzung hat sich seit 2015 verändert, weil sich die Problemlage verändert hat. Mit ,Festung Europa‘ war die Kontrolle der Außengrenze gemeint.

Heute bezeichnen Sie auch den 1,50-Lohn für Flüchtlinge als "menschenverachtend". Damals haben Sie die Forderung von Sebastian Kurz nach "Ein-Euro-Jobs" unterstützt. Wie passt das zusammen?

Das habe ich damals unterstützt, um die Partei als Einheit erscheinen zu lassen. Ich habe vieles mitgetragen, das ich heute nicht schön- , aber auch nicht schlechtreden möchte.

Nun war die ÖVP immer eine schwierige Partei, mit vielen unterschiedlichen Interessen. Als ÖAAB-Chefin hatte Johanna Mikl-Leitner einst "Her mit dem Zaster" gerufen, obwohl sie gleichzeitig Ministerin war und die ÖVP eine Steuerreform damals nicht so dringend wollte.