Wien. Österreichs Übergangsregierung konnte sich der Vorschusslorbeeren kaum erwehren. Weil nach 101 Jahren Geschichte der Republik mit Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein erstmals eine Frau dieses Amt in ihren Händen hat. Weil mit sechs Frauen und sechs Männern in dieser Regierung erstmals Halbe-Halbe umgesetzt wurde. Weil damit Expertinnen und Experten die Geschäfte der Republik leiten.

Kritik gab es nur an der Wahl Andreas Reichhardts als Verkehrsminister. Er hat wie Heinz-Christian Strache an wehrsportähnlichen Übungen teilgenommen, bezeichnet solche ebenfalls als Paintballspiele. Außerdem habe es personelle Überschneidungen seiner Verbindung Cimbria zur rechtsextremen Vapo des Neonazis Gottfried Küssels gegeben.

Generalisten statt Spezialisten

Obwohl Kanzlerin Bierlein nur eine "ordentliche Verwaltung" versprach, dachten einige laut darüber nach, ob man die Regierung nicht nur einige Monate, sondern gleich bis zum geplanten Ende der Legislaturperiode 2022 weiter behalten solle. Ist Expertise in der Politik - für Österreich eher untypisch - auf einmal en vogue?

Politikwissenschafter Peter Filzmaier umschreibt drei Eigenschaften, die den Erfolg von Ministerinnen und Ministern begründen können: Organisations- und Managementkompetenz, Kommunikationsfähigkeit und Fachwissen. "Wobei mehr Generalisten als Spezialisten gefragt sind", sagt Filzmaier.

Bildung ist zum Beispiel nicht Bildung: "Wer hat schon gleichermaßen Ahnung von Kindergartenpädagogik und Weltraumwissenschaften?" Und könne man von Übergangsminister Eduard Müller verlangen, gleich viel Wissen über das Budget, die Beamten wie als Sportminister über Tischtennis mitzubringen?

Das wissenschaftliche Höchstleistung alleine nicht reicht, bewies zum Beispiel Hans Tuppy. Er war ÖVP-Wissenschaftsminister, davor zwar als Fastnobelpreisträger ein genialer Chemiker, im Ministeramt aber offenbar nicht die optimale Besetzung. Die Partei löste ihn nach zwei Jahren und zahlreichen Konflikten mit den Direktoren der Museen bis hin zu Studierenden durch Erhard Busek ab.

Mehr als ein akademischer Abschluss sind in der Politik intellektuelle Fähigkeiten wie eine rasche Auffassungsgabe und schnelles Reagieren gefragt, sagt Politikwissenschafterin Kathrin Stainer-Hämmerle. Außerdem: "Ministerinnen und Minister müssen das Gesamtbild im Blick haben, sollten nicht zu sehr im Detail verhaftet sein."

Das ist auch deshalb notwendig, weil von ihnen gesetzte Aktionen fast immer auch Konsequenzen über das eigene Ressort hinaus haben. Wer wann welche Bildung erhält, wirkt sich sowohl auf Ausgaben des Sozial- und Arbeitsministeriums als auch des Wirtschaftsministeriums aus, um nur ein Beispiel dafür zu nennen.