Wien. Es war der August im Jahr 2003. Frankreich stand vor einer riesigen Tragödie des heimischen Gesundheitssystems und wurde sich der Tragweite erst bewusst, als es längst zu spät war. Menschen brachen auf den Straßen von Paris leblos zusammen. Krankenhäuser platzten aus allen Nähten. Patienten kamen bei der Einlieferung schon so schwach an, dass jegliche ärztliche Versorgung nicht mehr ausreichte. Arztpraxen waren nur notdürftig besetzt, weil viele Ärzte auf Urlaub waren. Selbst in Pflege- und Altersheimen gab es Todesfälle.

"Im August, das weiß jeder Franzose, hat die Nation fast vollständig geschlossen", sagte der frühere Premierminister Jean-Pierre Raffarin. "Wer krank und hilfsbedürftig wird, muss stundenlang auf Sanitäter warten."

Mit katastrophalen Folgen. Tagelang überstieg Frankreich in jenem August die 40-Grad-Marke. In den zwei heißesten Wochen starben 15.000 Menschen. Die Bestattungsunternehmen kamen mit den Beerdigungen nicht mehr nach und holten Leichen erst Tage später aus den Wohnungen ab.

Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. - © Bubu Dujmic Photography
Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. - © Bubu Dujmic Photography

Heuer wurde Ende Juni im Süden Frankreichs erstmals die Rekordtemperatur von mehr als 45 Grad gemessen. Paris lag an manchen Tagen nur ein paar Grad darunter. In einigen französischen Departments wurde Alarmstufe Rot ausgerufen. Eines ist klar - damals wie heute: Die Klimakrise gefährdet die Allerschwächsten in der Gesellschaft. Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien spricht von einer "Umweltungerechtigkeit".

Die absolute Mehrheit der Hitzetoten in Frankreich 2003 war über 75 Jahre alt. Viele davon waren alleine, wurden zu wenig betreut. Sie gerieten auch, wie Raffarin es beschrieb, durch damals urlaubende Familienmitglieder "in lebensgefährliche Not".

Der soziale Status und seine Auswirkungen

Im vergangenen Jahr gab es laut Hitzemonitoring in Österreich 766 Hitzetote, zitiert Hutter. Das sind deutlich mehr Menschen, als hierzulande im Verkehr sterben. Jene fünf Personen, die in der heurigen Juni-Hitzewelle in Europa ums Leben kamen, starben akut an einem Hitzschlag. Wer aber nicht direkt an einem Hitzschlag gestorben ist, fällt in eine andere statistische Kategorie. Die Biografien der fünf Toten zeichnen aber ein eindeutiges Bild. Unter ihnen war ein Dachdecker aus Frankreich, der bei 35 Grad im Schatten bei der Arbeit einen tödlichen Schwächeanfall erlitt. In Italien starben ein 60-jähriger Gerüstbauer, der bereits tags zuvor bei der Arbeit zusammengebrochen war, sowie ein 72-jähriger Obdachloser. In Spanien starben ein junger Erntehelfer und ein 93 Jahre alter Mann.