Es ist die erste österreichweite Studie zu Gewalt an Menschen mit Behinderung, die Hemma Mayrhofer, Anna Schachner, Sabine Mandl und Yvonne Seidler präsentieren. Es zeigt sich, dass jeder Zweite der insgesamt 376 Befragten bereits sexuelle Gewalt erlebt hat. Acht von zehn Erwachsene mit Behinderung haben in ihrem Leben bereits körperliche Gewalt erfahren, ebenfalls acht von zehn berichten von psychischer Gewalt.

Mayrhofer macht als Studienleiterin und wissenschaftliche Geschäftsführerin des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie darauf aufmerksam, dass Menschen mit Behinderungen deutlich mehr Gewalt erfahren als solche ohne: "Die von uns Befragten berichten drei Mal so oft bereits wiederholt hartnäckig verfolgt oder belästigt worden zu sein als jene ohne Behinderung", sagt Mayrhofer. Hartnäckige Belästigungen zählen wie gefährliche Drohungen zu den schweren psychischen Gewalterfahrungen. Schwere psychische Gewalt haben bereits sechs von zehn Menschen mit Behinderung erfahren.

Mehr körperliche Gewalt bei höherem Pflegebedarf

Knapp acht von zehn Befragten berichteten von körperlicher Gewalt, die Hälfte davon von schwerer wie Verprügeln, Würgen oder dem Versuch, erstickt zu werden. Insbesondere jene, die Unterstützung bei der Körperpflege und anderen Grundbedürfnissen benötigen, sind besonders häufig von Gewalt betroffen. Auch in Wohn- oder Betreuungseinrichtungen und Werkstätten mit besonders wenig Personal wird deutlich häufiger von Gewalt berichtet als in jenen mit besseren Ressourcen. Wenig Zeit dürfte dazu führen, dass die Betreuerinnen und Betreuer weniger gut auf Konflikte und Gewalt zwischen den Personen eingehen können.

Studienautorin Mandl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ludwig Boltzmann Institut, stellt darüber hinaus fest, dass "starre Strukturen Gewalt fördern". Ein unverhältnismäßig stark einschränkender Tagesablauf, keine Rückzugsmöglichkeiten oder keine Selbstbestimmung über das eigene Leben begünstigen Gewalt: "Weil die Unzufriedenheit und das Aggressionslevel steigen."

Besonders häufig werden auch Familienmitglieder als Gewalt ausübende genannt: "Wie sonst auch, zeigt sich auch hier, dass die Familie nicht nur ein Ort der Unterstützung ist, sondern auch ein gefährlicher Ort sein kann", stellt Mayrhofer fest. Für junge Menschen mit Behinderung sei die Schule ein riskanter Ort.

Bei den Fragen nach sexueller Gewalt zeigte sich, dass Frauen mit Behinderung genauso wie jene ohne wesentlich häufiger davon betroffen sind als Männer. Frauen mit psychischen oder physischen Einschränkungen berichten allerdings öfter von schweren Formen der sexuellen Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen. Unter den Männern berichten jene mit Behinderung überhaupt häufiger von sexueller Gewalt jeglicher Art als jene ohne.

Fehlende Aufklärung und Vertrauenspersonen

In Expertinneninterviews stellten die Studienautorinnen außerdem fest, dass insbesondere sexuelle Gewalt "tabuisiert ist und mit Menschen mit Behinderung kaum darüber gesprochen wird". Mandl rät deshalb zu sexueller Bildung als Prävention und Information über Gewalt in leichter Sprache für Betroffene, denn: "Manche können die eigenen Geschlechtsteile nicht benennen. Wenn man den eigenen Körper nicht kennt, kann man auch anderen schwer Grenzen setzen."

"Menschen mit Behinderung ihre ersten sexuellen Erfahrungen oft über Gewalterfahrung machen", merkt Lebens- und Sexualberaterin Elisabeth Löffler bei der Studienpräsentation darüber hinaus an. Sie hat beim Wiener Verein Ninlil das Projekt Zeitlupe als erste Peer-Beratungsstelle mitbegründet, wo Frauen mit Behinderung andere in Fragen rund um das Thema Sexualität beraten. Ninlil bietet Frauen mit Lernschwierigkeiten außerdem im Rahmen des Projekts Kraftwerk Beratung, Empowerment und Vernetzung gegen sexuelle Gewalt.

In der Studie wird darüber hinaus auch das vom Fonds Soziales Wien geförderte Projekt "Peer Streitschlichtung" als Beispiel für einen selbstbestimmten Umgang mit Gewalterfahrungen berichtet. Über die Agentur Sonnenklar von Equalizent vermittelt, unterstützen dabei zehn eigens dafür ausgebildete Personen mit Behinderung künftig Einrichtungen für Menschen mit Behinderung dabei, Gewalt besser zu erkennen und präventiv dagegen vorzugehen. Die Studienautorinnen raten darüber hinaus zu mehr Rückzugsorten und Vertrauenspersonal in und außerhalb der Institutionen, die mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, auch das therapeutische Angebot sollte ausgebaut werden.