Fast schon so schnell wie zu Beginn der Corona-Pandemie im März Eindämmungsmaßnahmen gesetzt wurden, werden diese nun wieder gelockert. Den Mund-Nasen-Schutz etwa muss man beim Einkaufen oder als Restaurantgast nicht mehr tragen, und auch Auslandsreisen werden zunehmend wieder möglich. Mit diesen Lockerungen wächst aber mitunter die Angst vor einer zweiten Welle - oder auch die Ungeduld, dass endlich sämtliche Maßnahmen fallen und man zu seinem gewohnten Leben zurückkehren kann. In beiden Fällen würde ein Impfstoff die Erlösung bringen, auf die die gesamte Welt hofft.

Die Forschung läuft daher auf Hochtouren, und vielversprechende Meldungen häufen sich. Sollte tatsächlich ein Impfstoff gegen Covid-19 auf den Markt kommen, heißt das allerdings noch lange nicht, dass damit auch alle sofort geimpft werden können. Das Gesundheitsministerium setzt hier klare Prioritäten: Konkret sollen gewisse Personengruppen wie zum Beispiel das Gesundheitspersonal, Schlüssel- und Risikopersonen bevorzugt werden, heißt es auf Nachfrage der "Wiener Zeitung".

"Auf freiwilliger Ebene"

Denn: Im Zusammenhang mit Covid-19 wisse man derzeit, dass Infektionen im Gesundheits- und Pflegebereich ein großes Thema seien und man einen besonderen Fokus auf ältere Personen und jene mit bestimmten Vorerkrankungen legen müsse. Daher wäre es laut Ministerium sinnvoll, die ersten verfügbaren Impfstoffe bei diesen einzusetzen - in Abhängigkeit von gewissen Parametern wie der Art des Impfstoffs oder der Altersgruppe, für die dieser zugelassen ist.

Die ersten Impfstoffe werden vermutlich begrenzt verfügbar sein, weil die Produktionsverfahren komplex sind. Eine Impfpflicht, wie von der Ärztekammer gefordert, soll es laut Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) aber nicht geben. "Meine Erwartung und Hoffnung ist, dass die Krise so manifest da ist, dass das auf freiwilliger Ebene auch erreichbar ist", betonte er bereits Ende Mai.

In Österreich gab es bisher insgesamt 17.175 bestätigte Covid-19-Fälle, 16.101 Personen sind genesen und 688 daran gestorben. Italien, eines der vom Coronavirus Sars-CoV-2 am stärksten betroffenen Länder mit rund 35.000 Todesfällen, diskutiert bereits über die Möglichkeit einer Impfpflicht für alle. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hat diese ebenfalls gefordert. Sollte sich jemand - sobald es eine Impfung gibt - weigern, stelle dieser ein hohes Risiko für all jene dar, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können, sagte Montgomery.

In Österreich hatte zuletzt Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) mit der Befürwortung einer Impfpflicht gegen Covid-19 aufhorchen lassen. Der steirische Landehauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP) sprach sich daraufhin ebenfalls "im Zweifelsfall für eine Impfpflicht" aus.

Bei einer Online-Diskussion des Wissenschaftsfonds FWF und der "Wiener Zeitung" in der Vorwoche traten Sozialwissenschafterin Katharina Paul und Immunologin Ursula Wiedermann-Schmidt von der MedUni Wien indes generell für bessere Informationsangebote zum Thema Impfen ein: In Skandinavien etwa hätten diese zu höheren Impfraten geführt, hieß es. Bei einer Impfpflicht könne es zu einer größeren Skepsis kommen. Daher sollte man vielmehr auch den Zugang erleichtern und in der Apotheke impfen oder durch Pflegepersonal.

Opposition ist gespalten

Im Ministerium hofft man bei der Impfung gegen die echte Grippe (Influenza) ebenfalls noch auf die Freiwilligkeit. Und auch hier aufgrund der aktuellen Sensibilisierung vor allem im Bereich des Gesundheits- und Pflegepersonals, wie es heißt.

Die Opposition ist beim Thema Impfpflicht gespalten, zeigt ein Rundruf. Während die SPÖ "als letzte aller Möglichkeiten darüber nachdenkt" und die FPÖ "prinzipiell dagegen" ist, befürworten die Neos eine Influenza-Impfpflicht fürs Gesundheitspersonal. Eine generelle Impfpflicht gegen Influenza oder Covid-19 wollen aber auch sie nicht.

Schätzungen zufolge liegt die Durchimpfungsrate für Influenza in Österreich bei acht bis zehn Prozent, in der vergangenen Saison gab es einen leichten Anstieg. In den Risikogruppen ist sie zwar etwas höher, von den von der Weltgesundheitsorganisation geforderten 75 Prozent in allen Risikogruppen wie Senioren, Kindern oder Personen mit chronischen Erkrankungen aber dennoch weit entfernt. Um eine Herdenimmunität bei Influenza zu erreichen, müssten mindestens 80 Prozent geimpft sein. An Influenza sind laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit in der heurigen Saison etwa 834 Menschen gestorben. Jährlich infizieren sich 5 bis 15 Prozent der Bevölkerung mit Influenza-Viren.

Kommenden Herbst könnte es allerdings beim Impfstoff gegen Influenza zu Engpässen kommen - und zwar dann, wenn sich aufgrund der durch die Corona-Pandemie geschürten Angst vor Viren mehr Menschen impfen lassen wollen. "Die Impfstoff herstellenden Unternehmen richten sich bei der Influenza-Impfstoffmenge, die sie in Österreich zur Verfügung stellen, üblicherweise nach dem Bedarf der vergangenen Jahre", sagt Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des Verbandes der Impfstoffhersteller und Public Affairs Vaccines Pfizer Österreich. "Und zwar deshalb, weil die Influenza-Impfstoffe nicht vom Staat zur Verfügung gestellt werden, sondern privat zu bezahlen sind." Der Apothekenverkaufspreis liegt zwischen 20 und 25 Euro, die Verabreichungsgebühr bei etwa zehn Euro.

Nachfrage bestimmt Angebot

Die Nachfrage bestimmt also das Angebot: Für die kommende Saison rechne man mit einem etwas erhöhten Bedarf, wieviel wirklich gebraucht wird, sei aber unklar. Die Hersteller haben laut Gallo-Daniel ihre Planung abgeschlossen und werden Influenza-Impfstoff haben - für die große Masse reiche dieser aber eher nicht aus.

Spinnt man dieses Szenario weiter und erkranken dadurch mehr Menschen an Influenza, könnte es problematisch werden, Influenza- von Covid-19-Patienten zu unterscheiden. Vor allem eine behördliche Rückverfolgung der Kontakte wäre schwierig. Derzeit laufen jedenfalls Bemühungen vonseiten des Gesundheitsministeriums, heißt es von diesem, Influenza-Impfstoffe zur Verwendung im kostenfreien Kinderimpfkonzept für eine beschränkte Altersgruppe zur Verfügung zu stellen. Bereits in den vergangenen Jahren habe es diverse Zuschüsse mehrerer Sozialversicherungsträger gegeben - welche es heuer sein werden, ist laut Ministerium "noch zu diskutieren".