Die Direktorin einer Volksschule in Wien war Montagmittag bereits längere Zeit mit einem Lehrerteam mit den Vorbereitungen auf den Schulbeginn in Ostösterreich am kommenden Montag beschäftigt. Durch den Telefonanruf der "Wiener Zeitung" wurde sie kurz aus den Planungen gerissen. Von wegen Lehrer, die in den Sommerferien nichts arbeiten. An ihrer Schule wird damit gerechnet, dass zum Schulbeginn die Corona-Ampel auf Gelb "stehen" wird .

Zu den schon vorhandenen Schwierigkeiten mit dem Corona-Virus seit Mitte März kommt ausgerechnet zum Schulbeginn der für Freitag von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) vorgesehene Start der Corona-Schutzmaßnahmen nach den Ampelfarben Grün, Gelb, Orange und Rot. Das wird eine zusätzliche Herausforderung für Schuldirektoren. Denn damit steht erst am Freitag fest, was zum Schulbeginn am Montag gelten wird. "Ein Flug ins Ungewisse", meinte der Direktor einer Wiener Mittelschule zur Situation nicht einmal eine Woche vor dem Beginn des Schuljahres 2020/21.

Einmal mehr müssen im Gesundheitsministerium die Experten bei Corona-Regeln ordentlich hecheln, um rechtzeitig bis zum schon länger angekündigten Starttermin am 4. September die Arbeiten abgeschlossen zu haben. Am Montag war der entsprechende Leitfaden zur "Bedienung" der Corona-Ampel trotz der Arbeit mit Hochdruck nach wie vor nicht fertig. Außerdem war die Abstimmung mit den Bundesländern, die in Gesundheitsfragen ein kräftiges Wörtchen mitzureden haben, ausständig. Für Montagabend war immerhin eine Videokonferenz mit den Landeshauptleuten angesetzt. Damit soll auch Missverständnissen bei Anordnungen des Bundes vorgebeugt werden. Das alles bedeutet aber, dass die Fertigstellung des Leitfadens dauert. Bei den Schulen erfolgt das in Abstimmung mit dem Bildungsministerium. Die betroffenen Schulleiter und Pädagogen, die das mit dem Schulbeginn am Montag umsetzen müssen, sitzen auf Nadeln.

Für Wien wird aufgrund der Zahl der Corona-Neuinfektionen mit der Ampelfarbe Gelb gerechnet. Zumindest mit Gelb. Am Montag wurden österreichweit 272 Neuinfektionen verzeichnet, allein 167 davon in der Bundeshauptstadt. Wobei für die Ampelfarben nicht nur diese Zahl, sondern auch die Anzahl der Tests, die Clustersituation in einem Bezirk und die vorhandenen Ressourcen in den Krankenhäusern berücksichtigt werden. Steht die Corona-Ampel auf Gelb würde das grundsätzlich bedeuten: Außerhalb der Klassen müssen Schüler und Lehrer Masken tragen. Singen darf man nur im Freien oder mit Mund-Nasen-Schutz. Müssen nach Corona-Verdachtsfällen einzelne Klassen oder Schulen geschlossen werden, erfolgt dort ab der fünften Schulstufe Heimunterricht.

Nur ein Elternteil darf am
ersten Schultag mitgehen

Die eingangs erwähnte Wiener Volksschulleiterin hofft, dass die Ampel bis zur erstmaligen offiziellen Bekanntgabe der Farbe und der jeweiligen Schutzmaßnahmen am Freitag nicht auf Orange und damit auf strengere Vorschriften springt. Bei den Vorkehrungen stützt man sich vorerst auf Unterlagen des Bildungsministeriums. Was die konkrete Umsetzung betrifft, so sagt die Direktorin: "Wir machen das mit Hausverstand." Für die rund hundert neuen Schüler in den ersten Klassen bedeutet dies, dass der Gottesdienst zum Schulbeginn entfällt. Nur ein Elternteil darf das Kind am ersten Schultag in die Klasse begleiten. Auf den Gängen müssen die Schüler Masken tragen. Die Eltern werden jeweils von den Klassenlehrern informiert.

"Es ist alles knapp", räumt auch der Direktor eines Wiener Gymnasiums ein. Dazu kommt die Unwägbarkeit, welche Farbe die Corona-Ampel am Freitag tatsächlich anzeigen wird. "Wir hoffen, dass es bei der Ampelfarbe Gelb und bei den entsprechenden Maßnahmen bleibt." Einen Plan gibt es an seiner allgemeinbildenden höheren Schule. "Die Schwierigkeit liegt immer darin, wie informieren wir die Eltern", erläutert der Direktor. Diese erfolgte an seiner Schule über die Schulhomepage und auch mittels E-Mails.

Die seit Monaten geltenden Coronana-Einschränkungen bereiten den einzelnen Schulen speziell zu Schulbeginn bei Schülern in den ersten Klassen Kopfzerbrechen. An einer Mittelschule in Wien-Simmering ist der Elternabend für die neuen, künftigen Schüler coronabedingt ausgefallen. Deswegen "wollen wir, das Team der kommenden ersten Klassen, uns auf diesem Wege bei euch vorstellen", heißt es auf der Homepage der Mittelschule. Daran schließen Fotos und die Namen der Lehrer.

Die Vorgaben von Bildungsminister Heinz Faßmann schreiben auch vor, dass an jeder Schule ein Corona-Krisenteam einzurichten ist. An manchen Schulen wird diese schulische Krisenfeuerwehr für Freitag erstmals einberufen, um möglichst rasch auf die dann feststehende Ampelfarbe mit den entsprechend einzuleitenden Maßnahmen reagieren zu können.

Der Direktor einer Wiener Mittelschule äußert zwar im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" die "Hoffnung, dass nichts oder relativ wenig passiert", was neue Corona-Verdachtsfälle oder Infektionen betrifft. Aber sein Nachsatz spricht Bände: "Die Hoffnung ist relativ gering." An seiner Mittelschule gebe es, wie auch an den meisten anderen Mittelschulen in der Bundeshauptstadt, viele Kinder mit Migrationshintergrund. Deren Familien stammen aus der Türkei, Polen, Rumänien oder dem früheren Jugoslawien. Zahlreiche Schüler seien in den Sommerferien und auch jetzt, eine Woche vor Schulbeginn, noch dort, wie man im Grätzel im Umkreis der Schule sehen könne.

Direktor verlangt bei Verdacht Klarheit durch Gesundheitsamt

In der ersten Schulwoche müssen die Schüler an dieser Mittelschule bis zum Betreten der Klasse Masken tragen. Zwischen den Klassen soll auch keine Vermischung stattfinden. Danach werde man schauen, wie es in der zweiten Schulwoche weitergeht.

Eines steht für den Mittelschuldirektor aber fest: Wenn es einen Verdachtsfall oder eine Corona-Infektion gebe, müsse das Gesundheitsamt der Stadt Wien über das weitere Vorgehen entscheiden. "Ich als Direktor entscheide das nicht", stellt der Schulleiter unmissverständlich fest.

Dem Direktor der Mittelschule bereitet aber schon das weitere, neue Schuljahr enorme Sorgen. "Wenn es so weitergeht, wird es tragisch." Das gelte vor allem für die Schüler mit Migrationshintergrund, die nach den coronabedingten Schulschließungen im heurigen Frühjahr nun in den Heimatländern ihrer Familien waren. "Die haben jetzt vier Monate nicht Deutsch gesprochen." Aber das ist schon die übernächste Auswirkung der Corona-Epidemie, mit der sich Lehrer herumschlagen müssen.