In Geld lässt sich die Leistung der zahllosen ehrenamtlichen und freiwilligen Helfer kaum messen. Wöchentlich summieren sich die Arbeitsstunden auf 14 Millionen, allerdings vor der Pandemie. Der Kampf gegen das Coronavirus sorgt zwar für Hochbetrieb bei den Rettungsdiensten und Pflegevereinen, doch das Vereinsleben der meisten Sport-, Kultur- und Hobbyvereine ist seit einem Jahr nun lahmgelegt. Langfristig droht vielen, der Nachwuchs wegzubrechen - die Folgekosten für das Land und die Gesellschaft wären in diesem Fall fatal.

Die "Wiener Zeitung" sprach darüber mit Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) und dem emeritierten Wirtschaftshistoriker Gerald Schöpfer, der seit 2013 Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes ist.

"Wiener Zeitung": Wir befinden uns seit einem Jahr im Notstand. Wie hätte wohl das Krisenmanagement ohne die zahllosen Vereine mit Ehrenamtlichen und Freiwilligen ausgesehen?

Vereine sollen sich in den Schulen präsentieren, meint Wolfgang Sobotka (links, im Gespräch mit Gerald Schöpfer). - © Luiza Puiu
Vereine sollen sich in den Schulen präsentieren, meint Wolfgang Sobotka (links, im Gespräch mit Gerald Schöpfer). - © Luiza Puiu

Wolfgang Sobotka: Keine Krise kann ohne die Beteiligung der Bevölkerung gemeistert werden, schon gar nicht eine Pandemie. Das aktive Rückgrat sind hier nun einmal die hunderttausenden Freiwilligen, die sich in den Dienst der Gesellschaft stellen. Dabei geht es nicht nur um die geleisteten Einsatzstunden, sondern besonders auch um den mentalen Zugang in einer Krise. Allein schon das Helfen sorgt in schweren Zeiten für ein Mindestmaß an Zuversicht und Optimismus, das zeigt sich exemplarisch in der Rolle, die etwa das Rote Kreuz in dieser Pandemie spielt.

"Staaten, die kein Freiwilligensystem haben, kommen bedeutend schlechter durch Krisen wie diese Pandemie", meint Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka. - © Luiza Puiu
"Staaten, die kein Freiwilligensystem haben, kommen bedeutend schlechter durch Krisen wie diese Pandemie", meint Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka. - © Luiza Puiu

Herr Schöpfer, haben Sie den Eindruck, dass die Politik den Einsatz der Ehrenamtlichen und Freiwilligen ausreichend wertschätzt, auch materiell?

Gerald Schöpfer: Wertschätzung lässt sich natürlich immer noch steigern, aber ich denke doch, dass all diese Leistungen positiv anerkannt werden. Die große Stärke des Roten Kreuzes, die in der Pandemie besonders zur Geltung kommt, ist die Kombination von rund 8.500 regulär beschäftigten Mitarbeitern mit 73.000 Freiwilligen. Das ist das Fundament für die einmalige Aufwuchsfähigkeit des Roten Kreuzes: Wenn irgendwo irgendetwas passiert, dann können diese Kräfte innerhalb kürzester Zeit mobilisiert werden. Wie die Flüchtlingskrise erfordert auch die Pandemie besondere Fähigkeiten und Anstrengungen, ohne dabei die daneben noch zu erledigenden Routinearbeiten zu vernachlässigen. Immerhin sind wir für unter anderem die Blutversorgung, in der Pflege und vor allem für 80 Prozent des Rettungsdienstes in der Republik verantwortlich, und die Leute erwarten sich zu Recht, dass sie sich auf uns verlassen können. Und dann gibt es noch etwas, was Österreich auszeichnet: Neben dem ohnehin hohen Anteil an freiwilligem Engagement haben sich in der Pandemie über die ORF-Aktion "Team Österreich" über 27.000 weitere Menschen spontan gemeldet, um unentgeltlich mitzuhelfen.

"Freiwilliges Engagement bietet ein großes Maß an Zufriedenheit und Sinnerfüllung", sagt Gerald Schöpfer, der Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes. - © Luiza Puiu
"Freiwilliges Engagement bietet ein großes Maß an Zufriedenheit und Sinnerfüllung", sagt Gerald Schöpfer, der Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes. - © Luiza Puiu

Für diese Leistungen sind nicht nur Freiwillige verantwortlich, sondern auch insgesamt rund 15.000 Zivildiener, die im Zuge der Wehrpflicht eingezogen werden. Dieses Konzept gerät regelmäßig in die Kritik, unter anderem mit der Forderung, aus der Dienstpflicht reguläre Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen.

Sobotka: Wert und Wertschätzung definieren sich nicht nur an Geldleistungen. Gerade in einer durch und durch monetarisierten Welt sollte uns das bewusst sein, zumal sich das ehrenamtliche Engagement ja genau durch diesen Verzicht auf Monetarisierung auszeichnet. Staaten, die kein solches Freiwilligensystem haben, kommen bedeutend schlechter durch Krisen wie diese Pandemie und müssen auch noch einen wesentlich höheren Anteil der Staatsausgaben dafür aufwenden. Was den Zivildienst betrifft, so handelt es sich dabei um einen Wehrersatzdienst im Zusammenhang mit der umfassenden Landesverteidigung. Diese, aus meiner Sicht gute und richtige Lösung sollten wir weiter beibehalten.

Schöpfer: Für mich war es bemerkenswert, dass der Wunsch, den Zivildienst zu erhalten, fast das stärkste Argument für jene 60 Prozent war, die bei der Volksabstimmung 2013 für die Beibehaltung der Wehrpflicht gestimmt haben. Wir sind natürlich froh, dass das so ausgegangen ist, schließlich werden uns jährlich rund 4.500 Zivildiener zugeteilt. Und bei diesen jungen Menschen zeigt sich regelmäßig, dass sie große Idealisten sind und ein erheblicher Teil nach den verpflichtenden Monaten freiwillig bei uns weiter mitmacht. Hier erhalten die jungen Menschen einen Einblick in die soziale Wirklichkeit des Landes und erhalten eine Aufgabe, etwa als Rettungssanitäter, die schwierig, sogar fordernd ist, die einem aber auch sehr viel gibt. Ich bin überzeugt, dass freiwilliges Engagement ein großes Maß an Zufriedenheit und Sinnerfüllung bieten kann.

Sobotka: Das kann ich nur unterstreichen. Leo Tolstoi hat einmal gesagt: "Das Gute, welches du anderen tust, tust du immer auch dir selbst." Viktor Frankl hat diesen Gedanken der Sinnstiftung für ein gelungenes Leben dann weitergedacht.

Die Pandemie sorgt für Hektik und Stress bei Hilfsorganisationen, verurteilt aber zahllose Sport- und Hobbyvereine zu deprimierender Untätigkeit. Die Langfristfolgen könnten fatal sein, wenn jetzt möglicherweise zwei Jahrgänge an Nachwuchs wegbrechen.

Schöpfer: Deshalb müssen wir schnell aus dieser Lage heraus, doch das gelingt nicht ohne die Eigenverantwortung der Menschen, sonst schaffen wir es nicht. Manche tun so, als ob das Virus von der Politik erfunden worden wäre. Ja, manches hätte besser und schneller gelingen müssen, etwa die Impfpläne, aber letztlich hängt es an jedem Einzelnen, wie wir durch die Pandemie kommen. Die wichtigste Waffe ist der Hausverstand, und wenn ich mir Maskenverweigerer und Kontaktsuchende anschaue, ist der nicht immer optimal verteilt.

Sobotka: Diesen Vereinen müssen wir helfen. Konkret müssen wir die Gemeinden ermuntern, alles zu unternehmen, um ihre Vereine jetzt zu unterstützen, finanziell, aber auch, was die Infrastruktur betrifft. Wir müssen auch die Schulen und Lehrer animieren, dass sich ihre Schülerinnen und Schüler in Vereinen engagieren. Dazu müssen sich die Vereine auch in den Schulen präsentieren können. Das hätte große Wirkung und würde kaum Kosten verursachen. Schließlich können wir sicher auch beim rechtlichen Rahmen noch etwas optimieren, etwa bei Haftungs- und Versicherungsfragen. Das alles fußt auf der Einsicht, dass, wenn Österreich nicht ein so lebendiges Vereinsleben hätte, das Land wirtschaftlich, kulturell und sozial viel schlechter dastünde. Die langfristigen Folgen einer Schwächung müssen wir unbedingt verhindern. Dabei geht es auch darum, dass wir die Folgen der digitalen Revolution mitdenken. Diese Entwicklung dürfen wir nicht verschlafen, weil sie hilfreich sein kann. Und dort, wo sie potenziell schädlich wirken könnte, müssen wir uns rechtzeitig auch damit beschäftigen.

Die Vereinslandschaft könnte auch ein wichtiger Partner bei der Integration von Zuwanderern sein. Warum schöpfen wir dieses Potenzial nicht aus?

Schöpfer: Das tun wir, nicht nur das Rote Kreuz, das Zuwanderer bewusst versucht einzubinden. Und das gelingt, wie ich finde, wirklich gut.

Sobotka: Völlig d’accord. Wir haben nur das Problem, dass Jugendliche aus sehr konservativen Familien mit 14 oder 15 Jahren aus den Vereinen austreten. Es gibt, historisch gewachsen und durch die größere Anonymität bedingt, ein dichteres Vereinsnetz am Land als in der Stadt. Bitte das jetzt nicht als Wien-Bashing zu verstehen, sondern als nüchterne Analyse.