Arbeiten bis zum Umfallen, kaum Zeit für die Familie und sich selbst: Der Traumjob Arzt wurde für viele zum Albtraum. Auf die anfängliche Euphorie folgte die bittere Desillusionierung.

Ungebrochen ist freilich der Wunsch vieler Maturanten, Medizin zu studieren. Am Mittwoch haben sich wieder knapp 18.000 Bewerberinnen und Bewerber in Graz, Wien, Linz und Innsbruck dem Aufnahmetest für das Medizinstudium gestellt. Die Plätze sind heiß begehrt. Nur jeder Zehnte wird einen Platz bekommen und damit später in einen Job einsteigen, der vor einem strukturellen Wandel steht.

Die jungen Ärzte zeichnen demnach mit ihren Forderungen und Erwartungen das Berufsbild des Arztes neu. Sie wollen flexibel sein, Spital und Ordination kombinieren und eine mögliche Elternteilzeit nicht ausschließen. Sie legen mehr Wert auf ihre Work-Life-Balance, sagt Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Mit dem klassischen Ärztejob funktioniert das aber immer weniger."

Vor allem in der Allgemeinmedizin schreibe man daher neben der Gynäkologie und der Kinder- und Jugendheilkunde immer mehr Kassenstellen erfolglos aus. "Manchmal mehr als 40 Mal", sagt Szekeres. Insgesamt gibt es laut dem Dachverband der Sozialversicherungen rund 8.000 Kassenstellen für Ärzte. Etwa 130, vor allem in Randgebieten, seien unbesetzt. Dieses Problem vertiefe sich weiter, sagt Szekeres, weil etwa die Hälfte aller Kassenärzte in den kommenden zehn Jahren in Pension gehen werde. Die Gesamtzahl der Ärzte in Österreich bleibt zwar dennoch relativ konstant, weil mit dem Schrumpfen der Anzahl der Kassenärzte jene der Wahlärzte steigt - aber eine Zwei-Klassen-Medizin entsteht.

Einer der ausschlaggebenden Gründe für die Pensionierungswelle unter den Kassenärzten ist laut Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien, dass die Kassenverträge vor etwa 30 Jahren massiv ausgeweitet und von zahlreichen Jungärzten besetzt wurden. Die Jungärzte von damals sind nun die Pensionisten von morgen. Dass sich für deren frei werdenden Stellen unter den aktuellen Bedingungen neue Jungärzte finden, sei "eine Herausforderung".

"Früher haben wir die Jobs genommen, die wir bekommen haben", erzählt Czypionka, der selbst auch ein Medizinstudium abgeschlossen hat. "Egal, wie es bezahlt war."

Geregelte Arbeitszeiten und Kinderbetreuung

Die jungen Mediziner seien wählerischer. Flexibler, wie es Szekeres auch formuliert, der diese Entwicklung durchaus nachvollziehen und verstehen kann. Vor allem Deutschland, die Schweiz und die skandinavischen Länder suchen Ärzte, sagt er. "Und zahlen besser." Meist gibt es dort geregeltere Arbeitszeiten, flache Hierarchien und Kinderbetreuungsangebote: 48,5 Prozent der Ärzteschaft sind aktuell laut Ärztestatistik Frauen, 1990 waren es noch rund 30 Prozent. Heute gehen daher laut Szekeres 40 Prozent der Studenten, von denen es eigentlich genügend gäbe, nach dem Abschluss ihres Studiums ins Ausland.

Für das Medizinstudium gilt seit 2006 eine Quotenregelung, wonach 75 Prozent der Plätze für Human- und Zahnmedizin für österreichische Maturanten reserviert sind. Von diesen kehre daher ein Teil nach der postpromotionellen Ausbildung im Ausland, die für die Karriere gut und wichtig sei, auch wieder zurück, meint dazu Czypionka. Ein Teil bleibe aber fort, sagt er - nachdem die Ausbildung in Österreich die öffentliche Hand rund 450.000 Euro pro Student gekostet hat.

Man müsse daher das heimische Kassensystem attraktiver gestalten. Seit einigen Jahren gibt es zwar zum Beispiel die Möglichkeit, eine Kassenstelle zu teilen, ob zwei Ärzte davon leben können, ist laut Szekeres aber fraglich. Einem Allgemeinmediziner mit Kassenstelle bleiben laut Bernhard Salzer von der Ärztekammer Wien abzüglich der Steuern und sonstiger Kosten durchschnittlich 11 Euro pro Patient und Quartal. Bei Kinderärzten seien es 15 Euro. Da könne man nur von der Quantität leben, und für den Einzelnen bleibe wenig Zeit.

Zudem ist die Teilung einer Kassenstelle, die nur für zwei Allgemeinmediziner oder zwei Fachärzte desselben Sonderfachs möglich ist, mit einigen Einschränkungen verbunden, weshalb sie kaum Anwendung findet. Mit ihr gehen nämlich nicht mehr Planstellen einher, wodurch sich auch die Versorgungskapazitäten nicht erweitern. Für die Kassenvertragsteilung braucht es außerdem eine spezielle Begründung.

Ein Schritt in die richtige Richtung sei das Schaffen von Primärversorgungseinheiten (PVE), so Czypionka, bei denen ein Team aus Ärzten, Pflegekräften und anderen Gesundheitsberufen zu patientenfreundlichen Öffnungszeiten flexibel und intensiv zusammenarbeitet. "Es ist international üblich, dass der Arzt die Mehrheit der Patienten gar nicht sieht, weil zum Beispiel viele chronisch Kranke von diplomierten Pflegekräften behandelt werden."

Der Haken dabei: Auch Pflegekräfte fehlen in Österreich, und die Umsetzung der PVE hinkt dem Plan hinterher. Von 2015 bis 2021 sollten insgesamt 75 von diesen eröffnet werden, im Moment sind es laut dem Dachverband der Sozialversicherungen allerdings erst 27. Vor allem der Westen Österreichs ist diesbezüglich benachteiligt. Das Primärversorgungsgesetz wurde 2017 beschlossen, seit 2015 liefen zwei Pilotprojekte in Wien-Mariahilf und Enns.

Mehr Zeit für Patienten kann Kosten sparen

Ein Grundproblem ist laut Czypionka, dass das Geld nicht dorthin fließt, wo es den Patienten am meisten nützt. Die Sozialversicherung kümmert sich um den niedergelassenen Bereich, die Länder sind für die Spitäler zuständig - unabhängig davon, wo die Patienten sind. Könnte sich aber etwa ein Allgemeinmediziner mehr Zeit für seine Patienten nehmen, weil nicht mehr die Quantität im Vordergrund steht, spare man im Anschluss sogar Gesundheitskosten. "Weil dann der Patient zum Beispiel seine Medikation ernster nimmt und ein Schlaganfall verhindert werden kann", sagt Czypionka. Und: Dem Anspruch der jungen Ärzte, sich mit ihren Patienten in Ruhe auseinanderzusetzen, würde man damit auch gerecht.