Vor fast sieben Monaten hat die 84-jährige Theresia Hofer aus dem Marchfeld als erste Person in Österreich eine Covid-19-Schutzimpfung erhalten. Der Impfstoff änderte viel. Zunächst einmal hieß es, jene Bevölkerungsgruppen zu immunisieren, die das höchste Risiko aufweisen, an einer Erkrankung zu sterben. Das senkte, trotz hoher Infektionswelle im Frühling, die Sterblichkeit spürbar.

Nach und nach konnten sich immer mehr Menschen dank der Impfung vor einer Covid-19-Erkrankung wirksam schützen. Und die Impfung ändert auch epidemiologisch viel, wenngleich sich die Hoffnung auf baldige Herdenimmunität durch die Verbreitung der infektiöseren Delta-Variante vermutlich nicht erfüllen dürfte. Zumindest nicht allein durch die Impfung. Ein hoher Immunisierungsgrad in Risikogruppen sollte aber, so die Hoffnung, zumindest die Gefahr einer erneuten Überbelastung des Gesundheitssystems reduzieren. Ob diese Erwartung auch eintreten wird, lässt sich am Fuße der Delta-Welle aber nicht sagen. Zu viele Unsicherheiten pflastern den Weg.

So begann es. Die 84-jährige Theresia Hofer bekam die erste Impfung verabreicht. - © apa / Hans Punz
So begann es. Die 84-jährige Theresia Hofer bekam die erste Impfung verabreicht. - © apa / Hans Punz

Was aber den Schutz vor Covid-19 angeht, und gemeint ist der individuelle genauso wie der gesamtgesellschaftliche, taucht nach sieben Monaten Impfaktion langsam aber sicher auch die Frage nach der Dauer auf: Wie lange hält die Impfung? Zumal in Österreich mittlerweile das Angebot von Impfstoffen größer als die Nachfrage ist. Und das ist überhaupt erst die Voraussetzung dafür, an Auffrischungen zu denken.

Aber noch gibt es für eine dritte Impfung gar keine Zulassung und daher auch keine wie auch immer geartete Empfehlung des Nationalen Impfgremiums. Aus dem Gesundheitsministerium heißt es, dass "bei Personen ohne Einschränkung des Immunsystems eine Schutzdauer von mindestens neun Monaten ab der zweiten Dosis angenommen werden kann". Auf Basis solcher ersten Daten wurde auch die Gültigkeitsdauer des Grünen Pass auf neun Monate nach der zweiten Impfung beschränkt. Vorerst zumindest.

Es fügte sich auch gut in den erdachten Zeitplan. Spätestens im September sollten alle, die wollen, zweimal geimpft sein. Bis dahin wird auch die Zulassung für eine dritte Impfung vorliegen, denn im August dürften die Studienergebnisse der Impfstoff-Hersteller zu möglichen Auffrischungen vorliegen. Auch intern bereitet man sich im Gesundheitsministerium auf eine dritte Impfung ab etwa Oktober vor. Dann sind auch bei Theresia Hofer schon neun Monate vergangen.

Ältere Menschen sprechen
auf Impfung schlechter an

Anfang Mai hatte der Infektiologe Herwig Kollaritsch, der auch Mitglied des Nationalen Impfgremiums ist, dieser Zeitung gesagt, er würde sich "wohler fühlen, wenn man mit einem robusten Impfschutz in den Herbst ginge". Er meinte dabei vor allem ältere und vulnerable Personen. Damals, im Mai, war eine größere Infektionswelle für Herbst erwartet worden, ähnlich wie vor einem Jahr. Das galt als wahrscheinlichstes Szenario. Doch dann kam Delta, und Österreich befindet sich bereits im Juli am Beginn der vierten Welle.

Das ändert nun die Rahmenbedingungen. Denn wenn viel Virus zirkuliert, kann sich der Einzelne nur mehr bedingt vor Kontakt mit dem Virus schützen. Und gerade jene, die besonders vulnerabel sind, haben als Erste ihre Impfungen erhalten. "Und Ältere sprechen auch schlechter an, ebenso Immunsupprimierte", sagt die Virologin Monika Redlberger-Fritz von der MedUni Wien. Bei diesen Gruppen wird sich daher auch als erste die Frage nach einer Auffrischungsimpfung stellen. Aber wann? Die Mindestschutzdauer von neun Monaten schränkt auch das Ministerium selbst auf "Personen ohne Einschränkung des Immunsystems" ein.

Das Problem: Das Nationalen Impfgremium, dem Redlberger-Fritz angehört, kann seine Empfehlungen nur auf Daten stützen, wie die Virologin bekräftigt. Aber die liegen eben noch nicht vor. Möglich ist, dass der Impfschutz auch länger als neun Monate hält. Es geht aber auch um Verträglichkeit. Fallen die Impfreaktionen milder, genauso oder stärker als bei der zweiten Dosis aus? "Wir wissen es nicht, es kann in beide Richtungen gehen", sagt Redlberger-Fritz.

Was sich schon sagen lässt: Auch bei den Auffrischungen wird es wieder Priorisierungen geben müssen. Aus Israel kamen erste Hinweise zu sogenannten Impfdurchbrüchen mit schwerwiegenden Folgen. Allerdings beziehen sich diese Daten noch auf Infektionen mit der britischen Variante. Und es sind wenige Fälle. Von 152 hospitalisierten Covid-19-Patienten, die vollimmunisiert waren, hatten 71 Prozent Bluthochdruck, fast die Hälfte Diabetes und 40 Prozent waren immungeschwächt. Und es waren vor allem ältere Personen, der Median lag bei über 71 Jahren.

Bereits jetzt ist in der Anwendungsempfehlung des Impfgremiums unter bestimmten Umständen eine dritte Impfung enthalten. Und zwar dann, wenn vier Wochen nach der zweiten Impfung keine neutralisierenden Antikörper zu messen sind. "Ein negativer Neutralisationstest oder ein negatives Testergebnis bei einem Neutralisationstest-Korrelat bedeutet, dass die Schutzwirkung der Impfung zweifelhaft ist", heißt es in der Empfehlung. In diesem Fall wird "zeitnah eine dritte Impfung empfohlen". Explizit wird darauf hingewiesen, dass es sich dabei um eine Off-Label-Anwendung handelt, da es eben noch keine Herstellerangaben dazu gibt und keine Zulassung der EU-Arzneimittelbehörde.

Politik müsste vorgezogene Auffrischung beschließen

Wenn sich also bei einem geeigneten Antikörpertest gar keine Antikörper finden, kann man sich mit diesem Nachweis bereits jetzt eine dritte Impfung holen. Die Entscheidung darüber obliegt allerdings dem Arzt oder der Ärztin. Doch selbst ein solcher Befund muss nicht automatisch bedeuten, dass gar keine Immunität vorhanden ist, betont Redlberger-Fritz. "Sie haben dennoch einen Schutz vor einem schweren Verlauf."

Hier geht es jedoch nur um den Individualfall. Anders sieht es bei einer bestimmten Kohorte aus, etwa den Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen. Auch sie wurden früh geimpft und angesichts des hohen Alters ist damit zu rechnen, dass bei ihnen die Immunantwort nicht optimal ist. Diese Gruppe angesichts der anlaufenden Delta-Welle sicherheitshalber mit einem dritten Stich zu versorgen, weil diese Menschen im Fall der Fälle naturgemäß eher eine Spitalsbehandlung benötigen, müsste aber allein von der Politik entschieden werden. Das Impfgremium muss für eine solche Empfehlung auf die entsprechenden Studiendaten warten.

Impfungen gegen Varianten
sind bereits in Entwicklung

Laut Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des Verbandes der Impfstoffhersteller, wird es in den kommenden Wochen schon Studienergebnisse zur möglichen Erweiterungen der Impfschemata der diversen Impfstoffe geben. Mit diesen können die Hersteller dann eine Variation der Zulassung bei der EMA beantragen.

Die Hersteller arbeiten bereits an Impfstoffen für Varianten. Auch sie müssen erst zugelassen werden. "Womit dann die Auffrischung erfolgt, mit dem bestehenden Impfstoff oder dem Variantenimpfstoff, ist dann Sache der Gesundheitsbehörden", sagt Gallo-Daniel.

Auch die jetzigen Impfstoffe schützen gegen Delta, aber wohl etwas weniger. Aber wie gut die Wirksamkeit der Impfungen gegen schwere Verläufe ist, zeigen Daten aus den USA, wo die Seuchenschutzbehörde CDC berichtete, dass 97 Prozent der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern ungeimpft sind. Impfdurchbrüche mit schweren Verläufen wurden zwar auch gemeldet, aber wenige, nämlich bisher nur 5.500. Rund 800 davon starben bisher trotz zweier Impfungen an Covid-19 seit Beginn des Impfprogramms. Auch wenn es vermutlich eine gewisse Dunkelziffer gibt, macht der Vergleich sicher: Im selben Zeitraum sind in den USA nämlich insgesamt mehr als 150.000 Menschen an Covid-19 gestorben.