Aller guter Dinge sind nicht immer drei. Zwei Regionalkrimis hat der Kabarettist Thomas Stipsits bereits mit einigem Verkaufserfolg geschrieben. Das Ungewöhnliche daran sind weniger die Titel "Kopftuchmafia" und "Uhudler-Verschwörung", sondern der Zusatz "Ein Stinatz-Krimi". Denn Stinatz ist ein Marktflecken mit rund 1.250 Einwohnern im Südburgenland. Nicht gerade der Nabel der Welt.

- © Karl Ettinger
© Karl Ettinger

Die Arbeit am dritten Krimi hat, wie Stipsits diese Woche selbst mitgeteilt hat, neben anderen Tätigkeiten dazu beitragen, dass er auf Anraten seines Arztes jetzt eine dreimonatige Arbeitspause einlegen muss. Es ist die Großmutter, die im Falle von Stipsits noch in Stinatz wohnt und damit die Verbindung zu dieser Gemeinde darstellt.

Die aus Stinatz gebürtige ehemalige grüne Nationalratsabgeordnete und spätere Volksanwältin Terezija Stoisits betont zwar im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" gleich vorweg, dass für sie ihr Heimatort "ganz normal" und damit in einem gewissen Sinn nicht besonders sei. Dennoch ist Stinatz ungleich mehr Österreichern als selbst größere Gemeinden bekannt, auch wenn diese nicht immer genau wissen, wo der burgenländische Ort genau auf der Landkarte zu finden ist.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass in Stinatz auch die Resetarits-Brüder Willi, der Ex-Ostbahn-Kurti, der Kabarettist Lukas und der vom ORF bekannte Peter Resetarits ihre Wurzeln haben. Dazu kam, dass gleichzeitig mit Stoisits auch Marijana Grandits aus dem selben Ort grüne Parlamentarierin war. Mit dem Künstler Florian Lang hat inzwischen eine jüngere Person mit Stinatz-Bezug eine gewisse Prominenz erlangt.

Mit "Fürstenfeld" von STS auch Stinatz in aller Munde

Vor allem aber ist Stinatz gleichsam eine Insel und Bollwerk der zweisprachigen Burgenland-Kroaten mitten in der sanft-hügeligen Landschaft. Der kroatische Ursprung reicht rund 500 Jahre zurück, als Kroaten dorthin ausgesiedelt wurden.

Wesentlich zur Bekanntheit von Stinatz wurde Mitte der 1980er Jahre beigetragen: In ihrem Lied "Fürstenfeld" klagen die drei Sänger der Gruppe STS zwar darüber, dass Wien sie als Sänger "gar net verdient" habe und dass sie deswegen lieber wieder "ham noch Fürstenfeld" in die Oststeiermark wollen. Seither ist bis hin zu vielen Feuerwehrfesten dabei die Textzeile "I spü höchstens nu in Graz, Sinabelkirchen und Stinatz" mitgesungen und gegrölt worden. Wohl auch, weil sich Stinatz auf Graz reimt und der Ort Kleinheit, Abgeschiedenheit und Heimat im Vergleich zur Bundeshauptstadt Wien suggeriert und auch nur gut 20 Kilometer von Fürstenfeld entfernt ist.

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Die schmucke Hauptstraße in dem Straßendorf ist es nicht, die Stinatz besonders macht im Kreis der mehr als 2.000 kleineren und größeren Gemeinden Österreichs. Farbenfrohe Blumen stechen gleich ins Auge, die Häuserzeile ist sehr gepflegt. Wer sich als Besucher mit dem Auto über die leicht ansteigende Straße zwischen fettem Grün dem Ort nähert, für den ist eine Besonderheit jedoch unübersehbar: Auf der Ortstafel prangt der Name nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Kroatisch: "Stinatz/Stinjaki". Fast zwei Drittel der Einwohner haben kroatische Wurzeln. Es ist das Dorf der Grandits, Stoisits, Stipsits, die auf rund ein Dutzend vor Jahrhunderten ausgesiedelte Familien zurückgehen.

"Wir reden schon sehr viel Deutsch auch"

Tradition und Kultur werden hochgehalten. Seit den 1980er Jahren wird mit zunehmendem Selbstbewusstsein gezeigt, dass die Zweisprachigkeit eine Bereicherung und das Kroatische nichts zum Schämen ist. In mehreren Jahrzehnten habe es diese "Gegenbewegung" gegeben, streicht Andreas Grandits hervor, der seit gut zehn Jahren Bürgermeister von Stinatz ist. "Je mehr Sprachen ich kann, umso mehr ist es ein Vorteil", betont er. Das war eben nicht immer so. Fleißig waren die Stinatzer schon immer, das sind viele Burgenländer. Wie viele andere mussten auch sie auspendeln nach Wien.

Kroatische Sprache, Tracht und Musik mit der Tamburizza-Gruppe werden auch an die Jungen weitergegeben. Ein Art Museumsdorf ist Stinatz/Stinjaki dennoch nicht. In der Bäckerei und Konditorei an der Hauptstraße wummert daher aus dem kleinen Radio die kanadische Gruppe Nickelback. Es spielt Radio Burgenland im Jahre 2021.

Maria Lukic versorgt sich in der Bäckerei mit Brot für den täglichen Bedarf. Das Kroatische empfindet sie so, "dass wir die Sprache erhalten haben". Auf das Wahren der Tradition ist die Frau hörbar stolz, auch wenn sie ergänzt: "Wir reden schon sehr viel Deutsch auch."

Besonders stolz ist man auf die Stinatzer Hochzeit mit kroatischem Trachtenpärchen. Dabei wird noch vor dem Gasthaus kroatisch gesungen und getanzt, eine Flasche vor dem Gasthaus zerschlagen, Gäste werden bewirtet. Mit Kulturgut und Bräuchen sei man tatsächlich anders, räumt Ex-Abgeordnete Stoisits ein. Mit Reden auch auf Kroatisch hat sie im Hohen Haus das wachsende Selbstbewusstsein der zweisprachigen Burgenland-Kroaten demonstriert. Wobei sie noch hervorhebt, dass die Leute in Stinatz "einen spezifischen Dialekt sprechen". Der Ort sei "so eine Insel innerhalb der sonstigen Umgebung".

"Du, Andreas, geh’ in die Schul’"

Rund 350 Bewohner haben hier einen Nebenwohnsitz. Den Menschen, von denen viele zum Beruf auspendeln müssen, weil es im Ort kaum Arbeitsplätze gibt, sei stets die Bildung der Jungen wichtig gewesen, erzählt Bürgermeister Grandits. "Du, Andreas, geh in die Schul’", habe ihm auch sein Vater, ein Bauarbeiter, als Kind dringend ans Herz gelegt. Weshalb es eine deutlich höhere Akademikerquote gibt.

Grandits ist ein gutes Beispiel dafür: Er hat an der Wirtschaftsuniversität in Wien studiert und unterrichtet nunmehr in der ebenfalls nur gut 20 Kilometer entfernten Bezirks- und Schulstadt Hartberg in der Steiermark. Wegen des Bürgermeisteramtes, das auch immer aufwendiger wird, ist er als Teilzeit-Lehrer tätig. In einer seit jeher roten Gemeinde ist er mittels Direktwahl als ÖVPler zum Bürgermeister gewählt worden. Im Gemeinderat hat die SPÖ mit 10 zu 9 Sitzen noch eine knappe Mehrheit. Zusammenarbeit ist Grandits wichtig. Sein Büro hat er nicht im Gemeindeamt. "Gemeindehaus/Opcinski stan" heißt die Zentrale der örtlichen Verwaltung und Politik in dem "Krowodn"-Dorf.

Wirtschaftlich steht man im Burgenland gut da

Nicht einmal der lehmige Boden wirft für die Landwirtschaft besonders viel ab. "Die Leute sind wahnsinnig fleißig", hebt Stoisits hervor. Fast die gleiche Beschreibung ist auch aus dem Mund von Bürgermeister Grandits zu hören. Das alles ist offenbar nicht einfach so dahingesagt. Das belegt die wirtschaftliche Entwicklung, auf die in einem Aushang beim Gemeindezentrum hingewiesen wird. Stinatz/Stinjaki rangiert demnach auf Platz 6 von 171 Gemeinden in einer finanzwirtschaftlichen Rangliste im Burgenland.

Buchautor Thomas Stipsits beantwortete im Nachwort zu seinem ersten Krimi drei Fragen zu Stinatz, wo er als Kind oft die Sommerferien verbracht hat. "Der Ort hat eine gewisse Magie, die sich nur ganz schwer beschreiben lässt. Man muss dort hinfahren, um es zu verstehen."