Als in Europa 1990 die Mauern und Zäune fielen, zählte Österreich 7,7 Millionen Einwohner. Bulgarien war größer, und zwar um eine Million Menschen. Heute, etwas mehr als 30 Jahre später, sieht es gänzlich anders aus. Österreichs Bevölkerung wird in diesem Jahr ziemlich sicher die Neun-Millionen-Marke durchbrechen, die bulgarische Bevölkerung ist dagegen unter sieben Millionen gefallen.

Während Bulgarien seit der Wende mit massiver Abwanderung konfrontiert ist, erlebt Österreich vor allem seit den EU-Erweiterungsrunden einen starken Bevölkerungszuwachs. Allein in den vergangenen zehn Jahren wuchs die Einwohnerzahl um 571.773 Personen, wovon 395.729 auf Personen aus der Europäischen Union entfallen. Am 1. Jänner 2022 lebten 35.888 Bulgarinnen und Bulgaren in Österreich, um 23.416 mehr als zehn Jahre zuvor.

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Auch im Vorjahr war die EU-Zuwanderung maßgeblich für das Bevölkerungswachstum verantwortlich, anteilsmäßig aber doch signifikant weniger als in den Jahren zuvor. Nach vorläufigen Daten der Statistik Austria waren am Jahresanfang 8.979.894 Personen in Österreich gemeldet, das sind um immerhin 47.230 mehr als ein Jahr davor. Auf die neun Millionen fehlen also nur noch rund 20.000 Personen. Nur 2010 wuchs Österreich um weniger Menschen, es gilt daher als sicher, dass die nächste Millionen- Marke heuer fallen wird.

Deutlich mehr Asylanträge

Die Coronakrise bedeutete auch im zweiten, dem ersten vollen Jahr, keine Zäsur, obwohl sie für den Arbeitsmarkt durchaus eine solche darstellte. Der Zuwachs der Unionsbürger ohne österreichische Staatsbürgerschaft fiel aber doch etwas schwächer aus als in den Jahren davor - vor allem bei den Beitrittsländern nach 2004, also etwa auch Bulgarien.

Signifikant und deutlich stärker als in den Vorjahren war der Zuwachs von Staatsbürgern von außerhalb Europas. 2018 waren es nur 3.000, 2019 rund 4.000, 2020 dann etwa 6.000, im Vorjahr hingegen gleich 20.000. Diese Entwicklung hängt stark mit jener im Asylwesen zusammen. Hier fehlen noch die kompletten Daten des Jahres 2021, bis November gab es aber 34.118 Asylanträge, mehr als doppelt so viele wie 2020. Corona-bedingt dürfte es zudem weniger Abschiebungen und freiwillige Ausreisen gegeben haben, auch wenn dazu die Zahlen des Innenministeriums noch ausständig sind. Nach Afghanistan kann zudem aus Sicherheitsgründen nicht mehr abgeschoben werden.

Von den rund 20.000 Staatsbürgern von außer-europäischen Ländern, die am 1. Jänner mehr in Österreich lebten als ein Jahr davor, entfallen fast 13.000 auf Syrer und Syrerinnen. Das ist der stärkste Zuwachs seit dem Jahr 2015, als in nur einem Jahr mehr als 20.000 aus Syrien kamen. Mittlerweile leben 68.186 Menschen aus Syrien in Österreich, das sind bereits mehr als polnische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die eine deutlich längere Migrationsgeschichte aufweisen.

Die Bevölkerung wächst freilich nicht nur durch Zuwanderung. Auch die Geburtenstatistik spielt hinein. Während bei Inländern seit Jahren ein negativer Saldo zu beobachten ist, also mehr Inländer sterben als mit österreichischer Staatsbürgerschaft zur Welt kommen, ist das bei Ausländern anders. Für das Vorjahr fehlen noch die Daten, aber im Jahr 2020 war die Geburtenbilanz bei Ausländern mit mehr als 12.000 positiv. Das bedeutete, dass 2020 etwa ein Viertel des Zuwachses ausländischer Staatsbürger auf die positive Geburtenbilanz zurückzuführen war. Das wird im Vorjahr ähnlich gewesen sein.

Diese Entwicklung hat vergangenen Sommer auch zu einer (von der SPÖ angestoßenen) Debatte über Änderungen im Staatsbürgerschaftsrecht geführt. Unter anderem sah der Vorschlag vor, dass in Österreich geborene Kinder ausländischer Eltern automatisch das Recht auf die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten sollen, wenn die Eltern bereits länger hier leben. Dass Österreich eine der EU-weit niedrigsten Einbürgerungsraten aufweist, ist auch ein Grund, weshalb der Anteil ausländischer Bürger in Österreich in den vergangenen 20 Jahren von 9 auf zuletzt 17,7 Prozent gewachsen ist.

Wien wächst weiterhin, aber langsamer

Interessant ist auch die regionale Verteilung. Vor zehn Jahren war die Hälfte der österreichischen Bezirke von Abwanderung konfrontiert, während Wien stark wuchs. Auch im Vorjahr wuchs die Hauptstadt noch, aber deutlich weniger als in vorangegangenen Jahren. In 14 Wiener Gemeindebezirken nahm die Bevölkerung ab, bis auf Landstraße in allen Innenstadtbezirken und in den Bezirken 14 bis 18 sowie 20. Stark wachsend sind nur die Ränder der Stadt, einerseits jenseits der Donau sowie im 23. Bezirk.

Ein starkes Bevölkerungswachstum war 2021 im Burgenland, in Vorarlberg und in Teilen Oberösterreichs zu registrieren. Einen flächendeckenden Bevölkerungsrückgang gab es im niederösterreichischen Waldviertel, in der gesamten Obersteiermark und im Salzburger Lungau.