Die beiden Burschen stehen bis zur Hüfte im Wasser und bewerfen sich gegenseitig mit Schlamm. Sie sind im Strandbad Rust aber eine der wenigen, die mit dem ungewöhnlich niedrigen Wasserstand des Neusiedler Sees und dem dunkelbraun-schlatzigen Seegrund, in dem sie bis über die Knöchel einsinken, ihre Freude haben.

Gleichzeitig werden ab Freitag dieser Woche auf politischer Ebene die Aktivitäten verstärkt, damit der Grundwasserspiegel im Seewinkel angehoben wird. In einem gemeinsamen Projekt mit Ungarn soll dafür Wasser aus der Donau zugeleitet werden.

Der Neusiedler See hat am Montag den tiefsten Wasserstand seit Beginn der Aufzeichnungen 1965 erreicht. Mit 115,04 Meter über Adria war er laut dem Wasserportal des Hydrographischen Dienstes Burgenland einen Zentimeter niedriger als beim bisherigen Negativrekord im September 2003. Für Mitte Juli ist der See, der 1865 komplett ausgetrocknet war, historisch seicht. Auf das Vorjahr fehlen 20 Zentimeter. Dabei werden erst für diese Woche in Ostösterreich bis zu 37 Grad und noch mehr Dürre vorhergesagt.

Schwimmen lieber im Attersee

Dabei vergällt das braune Wasser und der zähe Schlamm schon jetzt Tagesausflüglern und Touristen das Baden in dem liebevoll als "Meer der Wiener" bezeichneten Steppensee. "Das ist grauslich", beklagt ein Restaurant-Gast beim Zugang zum Seebad. Die Radlergruppe aus Oberösterreich findet zwar genug lobende Worte für den Seewinkel als Radfahr-Eldorado. Sie witzelt aber über die Badequalität des Sees, man solle ein Schild aufstellen, dass die Gäste zum Schwimmen an den Attersee kommen sollten.

Der Tourismus leidet schon unter gewissen Einschränkungen. An der Kasse im Bootsverleih wird der "Wiener Zeitung" erläutert, dass die Zahl der Personen je Elektro- oder Tretboot von vier auf drei reduziert wurde. Damit soll verhindert werden, dass jene, die sich ein Boot ausleihen, auf Grund laufen. Mehr Schäden auch bei den Propeller-Antriebsschrauben muss man ohnehin schon hinnehmen und reparieren.

Im Strandbad wird allerdings gejammert, dass auch so der Zustrom an Badegästen weniger werde. Als Begründung wird die zunehmende Zahl an Swimmingpools in der Region genannt. Dort würde sich nicht nur der jeweilige Hausbesitzer samt Familie, sondern "auch Cousin, Cousine und Tante" planschend abkühlen.

Die Radfähre, die über den See von Podersdorf in der Bucht einläuft, kann vorerst noch verkehren. Damit das weiter möglich bleibt, ist in der Ruster Bucht zwischen dem Schilf seit vergangenem Freitag ein Schlammsauger unterwegs. Der Aushub wird in einem zwei Kilometer langen Schlauch bis Mitte August in ein eigenes Becken transportiert. Was danach damit passiert, ist offen. Burgenlands Infrastrukturlandesrat Heinrich Dorner (SPÖ) hat das Pilotprojekt mit dem Ruster Bürgermeister Gerold Stagl gestartet, um die viel genutzte Hafenzufahrt halbwegs freizuhalten. 20 Zentimeter Schlamm sollen zu diesem Zweck in der Fahrtrinne mit einer Art schwimmendem Bagger abgesaugt werden.

Das ist allerdings zunächst wie eine Schönheitsoperation. Längerfristig wird auf nachhaltigere Maßnahmen gesetzt. Dafür beteiligt sich das Burgenland mit Ungarn an der Verlängerung eines Bewässerungskanals in den Seewinkel, der mit Wasser aus der Donau in Ungarn gespeist wird.

Bewässerungskanal bis Andau

Seit einem Jahr gibt es auf Expertenebene schon intensive Beratungen. Jetzt sind die Politiker am Zug. Am Freitag reist deswegen Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil zu Ungarns Außenminister Peter Szijjarto, um einen entsprechenden Vertrag zu besiegeln. Der Kanal in Ungarn soll bei Andau gut einen Kilometer auf österreichischer Seite verlängert werden. In weiterer Folge gibt es Überlegungen über ein Treffen mit Ungarns Regierungschef Viktor Orban im Herbst. Im heurigen Sommer muss man durchtauchen - im seichten Meer der Wiener ein Kunststück.