Wenn die zweifache Mutter Michaela aus Wien heute an die vergangenen zweieinhalb Jahre denkt, steigt in ihr vor allem ein Gefühl auf: Angst. "Diese Zeit hat mich extrem geprägt, ich kann mich noch erinnern, als ich in meinem Schlafzimmer gesessen bin und einfach nur Angst hatte", erinnert sie sich an die Monate, in der Überforderung und Einsamkeit ebenso ihre ständigen Begleiter waren. Sie habe nur versucht, den Tag zu überstehen, erzählt sie. "Diese Müdigkeit wirkt noch immer nach bei mir, und nur weil es jetzt mit den Maßnahmen erst einmal vorbei ist, ist es innerlich noch nicht vorbei."

Damit ist die Wienerin nicht alleine. Trotz Ende der Quarantänepflicht, Sommermonaten mit der Möglichkeit, wieder zu reisen, und der fast flächendeckenden Verabschiedung von FFP2-Masken hinterließen die vergangenen zweieinhalb Pandemiejahre ihre Spuren in der Gesellschaft.

Die Familiensoziologin Ulrike Zartler hat mit ihrem Team an der Universität Wien in einer lang angelegten Studie über 90 Familien österreichweit begleitet und sich mit den Auswirkungen von Covid-19 auf Eltern und Kinder beschäftigt. Vor kurzem wurde vorerst die letzte Erhebungsrunde abgeschlossen und die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Die Ängste und der Druck der Pandemiezeit lasten noch immer auf Eltern und Kindern, und das wird sich vorerst auch nicht so schnell ändern.

"Prinzipiell war es wahnsinnig anstrengend und aufwendig", berichtet eine alleinerziehende Mutter dreier Kinder aus Niederösterreich. "Seit Beginn der Sommerferien ist es schon besser und ich sehe, wie die Kinder wieder aufblühen. Aber ich merke schon noch, dass sie auch einiges zum Nachholen und Aufholen haben, sowohl schulisch als auch pädagogisch", erzählt sie. Vor allem die Zeit der Schulschließungen sei katastrophal gewesen und habe den Alltag unplanbar gemacht.

Unsicherheit als
permanenter Begleiter

"Das Grundgefühl bei den meisten Familien war und ist Unsicherheit. Man kann sich auf nichts verlassen und nicht wirklich planen, weil spontane Änderungen immer einkalkuliert werden müssen", sagt Zartler über die Ergebnisse der Studie CoFam (Corona und Familienleben). Dieses Gefühl sei die vergangenen zweieinhalb Jahre ständig präsent gewesen und ist immer noch vorhanden - vor allem mit Blick auf den Herbst und den erneut ansteigenden Infektionszahlen. Auch die Gecko-Kommission rechnet in ihrem neuesten Bericht für den Spätsommer und Frühherbst "mit einer sehr labilen Ausgangssituation". Eine richtige Entwarnung gibt es daher noch nicht.

"Wir haben die massiven Auswirkungen auf Kinder und Familien, vor allem Frauen, lange Zeit unterschätzt. Besonders in der Anfangszeit der Pandemie waren die älteren Menschen im Fokus", erklärt Beate Wimmer-Puchinger, Psychologin und Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP). Die Pandemie habe vor allem seelische Spuren hinterlassen, darunter Schlafstörungen, Kontaktprobleme, depressive Zustände oder Essstörungen - die als Abwehrmaßnahmen der Seele rapide zugenommen hätten. Vor allem für Kinder seien Maßnahmen wie das Testen oder Abstandhalten trotz deren Notwendigkeit schwer zu verstehen gewesen. "Kinder sind spontan und gehen normalerweise aufeinander zu. Das wurde durch die Maßnahmen zur Corona-Eindämmung unterbrochen und hat sie irritiert."

Auch die Anrufe bei der Hotline des BÖP hätten sich verfünffacht, berichtet Wimmer-Puchinger. Und es sei kein Ende in Sicht: "Derzeit geht es nicht mehr nur um Covid-19, sondern wir sehen aktuell multiple Krisen. Die Energiekrise, der Krieg in der Ukraine und finanzielle Sorgen beschäftigen die Gesellschaft, und auch Kinder bekommen diese Stimmung mit und leiden darunter", sagt die Psychologin. Die Resilienz vieler Menschen sei mittlerweile ausgeschöpft und viele der Nachwirkungen würde man jetzt erst sehen, "und das wird noch lange andauern".

Wimmer-Puchinger spricht auch von einem großen Andrang auf die laufenden Projekte, die tausenden Jugendlichen eine Beratung ermöglichten, wie beispielsweise "Gesund aus der Krise", das der BÖP in enger Kooperation mit dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie umgesetzt hat und aus Mitteln des Gesundheits- und Sozialministerium finanziert wird.

Dem stimmt auch Familiensoziologin Zartler zu: Da das Belastungsniveau permanent hoch war, berichteten auch viele Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer davon, "dass die Luft mittlerweile draußen ist". Die Freude auf diesen Sommer sei zwar enorm groß gewesen, aber viele externe Faktoren wie das europaweite Chaos an Flughäfen oder Grenzen und die Stornierungen von Flügen machten die Pläne, auf die viele sich lange gefreut hätten, wieder zunichte. "Über so einen langen Zeitraum wurde immer mit Enttäuschungen gerechnet und oft sind diese auch eingetreten. Viele persönliche Meilensteine auf die sich lange gefreut wurde, zum Beispiel die Sprachreise, die Erstkommunion oder ein Geburtstagsfest, mussten dann wieder abgesagt werden. Das ist einfach anstrengend, verunsichernd und psychisch belastend", sagt Zartler. Ganz besonders betroffen von all dem seien Alleinerzieherinnen und ökonomisch schwachgestellte Familien, berichtet die Forscherin.

Den Anstieg an Anfragen bestätigt auch die Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche "Rat auf Draht". Anfragen zu den drei Themenbereichen der Überforderung mit der Schule, psychischen Erkrankungen sowie Suizidgedanken seien im Vergleich zum Vorjahr massiv angestiegen. "Über den Sommer hinweg bemerken wir vor allem bei den Schulthemen einen leichten Rückgang, während seit dem Ende der Kontaktbeschränkungen wieder das Beziehungsthema mehr Aufmerksamkeit erhält", heißt es von "Rat auf Draht". Das könne sich im Herbst wieder in eine negative Richtung entwickeln, denn die Nachwirkungen der Pandemie seien immer noch spürbar.

Frauen als
Systemerhalterinnen

Eine weitere Entwicklung, die durch die Pandemie verstärkt wurde, ist die Retraditionalisierung von Geschlechterverhältnissen in Familien. "Hier werden die Langzeitfolgen nun deutlich und es zeigt sich, dass sich die traditionelle Rollenverteilung massiv verstärkt hat. Beispielsweise haben Frauen viel häufiger als Männer ihre Arbeitszeiten reduziert, um zuhause die Care-Arbeit zu leisten", so Zartler. Das wirke sich nun auf weniger Verdienst und langfristig auch auf weniger Pension der Frauen aus. Auch Wimmer-Puchinger macht darauf aufmerksam, dass Frauen in oft gering entlohnten Gesundheits- und Sozialberufen als Systemerhalterinnen die Krise gemanagt hätten und verweist auch auf die Doppelt- und Dreifachbelastung, die durch die eigene Kinderbetreuung hinzukam.

Das kann die 35-Jährige Michaela aus Wien bestätigen, deren Karenz mit dem Pandemie-Beginn zusammengefallen ist. "Grundsätzlich machen ich und mein Partner in unserer Beziehung alles sehr ausgewogen, aber seit Corona habe ich viel mehr übernommen. Die Zeit war ohnehin psychisch sehr belastend für mich, und da meine größere Tochter dann lange Zeit nicht in den Kindergarten konnte, war ich zu Hause in Karenz mit beiden Kindern und habe nur gehakelt." Mit den psychischen Folgen ihrer Überlastung und dem Gefühl, allein gelassen worden zu sein in dieser Zeit, hat sie heute noch zu kämpfen und hat nun nach einiger Zeit einen Psychotherapieplatz für sich gefunden. Denn trotz Privatversicherung musste sie verschiedene Stellen kontaktieren und flexibel sein.

Mehr Therapieplätze
und Verständnis

Die Frage nach den Bedürfnissen der Familien beantwortet Familiensoziologin Zartler ganz klar: "Österreichs Familien fühlten und fühlen sich immer noch im Stich gelassen und wünschen sich, gesehen und verstanden zu werden." Langfristiger Maßnahmen, die helfen würden, seien familienfreundlichere Arbeitsbedingungen und ein flächendeckendes und niederschwelliges Unterstützungsangebot psychosozialer Hilfsangebote. Diese sollte vor allem in Schulen massiv ausgebaut werden.

Das wären laut Zartler gut investierte Kosten, da die Folgekosten der psychischen Probleme viel gravierender sind. Eine Unterstützung von politischer Seite sei in jeglicher Form dringend notwendig, um noch mehr langfristigen Problemen entgegenzuwirken und die österreichische Gesellschaft zu unterstützen.

Auch Psychotherapeutin Wimmer-Puchinger appelliert deutlich an die politischen Entscheidungsträger: "Derzeit fehlt vielen die Freude, positiv nach vorne zu schauen. Aber Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft und wir müssen alles tun, damit die gesellschaftliche Müdigkeit keine Überhand bekommt." Ein wichtiger Schritt sei es auch die Entstigmatisierung von psychologischer Therapie in Österreich: "Es ist mutig und wichtig nach psychologischer Hilfe zu fragen. Das ist keine Schwäche."