Wien. Ein denkwürdiges Jubiläum: Am Samstag wird es genau 50 Jahre her sein, dass Deutschland das Anwerbeabkommen mit der Türkei unterzeichnet hat - für Österreich sind es "nur" 47 Jahre. Aus "Gastarbeitern" wurden seither neue Landsleute, einstige Auswanderungsländer sind heute Zuwanderungsländer. Doch wer dauerhaft hier bleibt, muss dauerhaft hier arbeiten. Den Jobproblemen von Migranten widmete sich in dieser Woche eine vom Arbeitsmarktservice (AMS) organisierte Konferenz, die Sozialminister Rudolf Hundstorfer eröffnete.

Zuwanderer aus Drittstaaten haben es europaweit besonders schwer: Viele sind arbeitslos oder in Jobs beschäftigt, für die sie überqualifiziert sind. Häufig fehlen ihnen das Selbstvertrauen und die Sprachkenntnisse, auf die Betriebe meist so viel Wert legen, betonte Bert-Jan Buiskool von "Research voor Beleid", einem niederländischen Institut für Politikforschung. Ebenso bräuchten Migranten mehr Wissen über den Arbeitsmarkt und ein soziales Netzwerk für den Jobeintritt.

Komplexe Gesetzeslage

Europa macht es seinen neuen Zuwanderern nicht immer leicht: Die mangelhafte Berufsausbildung vieler Migranten liegt auch oft an der Nichtanerkennung ausländischer Diplome. Erschwert wird die Lage zusätzlich durch eine komplexe Gesetzeslage und eine in allen europäischen Ländern bemerkbare Diskriminierung, wie Buiskool in seinen Untersuchungen festgestellt hat. Die schlechten Arbeitsbedingungen zwingen einige Zuwanderer aus Drittstaaten, sich ausbeuterischen Arbeitsbedingungen zu unterwerfen. Oft arbeiten sie nur in befristeten Arbeitsverhältnissen, und zwar in Bereichen, die nun von der Wirtschaftskrise besonders hart betroffen sind.

Das AMS hat auf einige Herausforderungen reagiert. Es versucht mittlerweile die Beratung durch mehr Mitarbeiter mit Migrationshintergrund zu verbessern. Sprachkenntnisse in Türkisch oder Bosnisch-Kroatisch-Serbisch gelten bei Neubewerbungen als erwünschte Zusatzqualifikation. AMS-Mitarbeiter werden darüber hinaus in interkultureller Kompetenz weitergeschult.

Prekäre Lage bei Frauen

Bisher fanden viele vom AMS beratene Migranten schneller einen Job als Einheimische, weil sie niedrigere Anforderungen an ihren neuen Beruf stellen. Doch wegen der ungesicherten Beschäftigungsverhältnisse war die Jobdauer nur kurz. Ab 2012 soll es in diesen Phasen der Arbeitslosigkeit Möglichkeiten zur Weiterbildung geben, kündigte Inge Friehs, stellvertretende Landesgeschäftsführerin des AMS Wien, an. Über Module können die Betroffenen in dieser Zeit einen Lehrabschluss in Handel, IT und Gastgewerbe nachholen. Sie sollen künftig auch länger vom AMS begleitet werden - nicht mehr nur bis zum Jobeinstieg.

Die teils besonders schwierige Situation migrantischer Frauen habe in Traditionen der Herkunftsländer ihre Wurzeln, meinte Inge Friehs. Je nach Kulturkreis gebe es "massive Unterschiede". Gerade Frauen türkischer Herkunft seien "traditionell sehr stark in Familien eingebunden. Sie sind Rollenbildern verhaftet, wo es um alles geht, aber nicht um gute Jobqualifizierung."

Eine eigene Beratung für Frauen mit türkischem oder ex-jugoslawischem Hintergrund gibt es bei Context, einer Partnereinrichtung des AMS. Die Scheidungsrate unter Zuwanderern nähert sich jener der Einheimischen an, berichtet Moluksadat Homayouni von Context im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Lage alleinerziehender Mütter sei sehr prekär: Manchmal breche bei Scheidungen das soziale Netzwerk in der Familie auseinander.

In Folge müssten sich die Frauen allein um ihre Kinder kümmern. Das verzögere den Jobeintritt extrem. "Dann kommen oft nur Arbeitszeiten zwischen acht und zwölf Uhr vormittags in Frage, wenn die Kinder gerade im Kindergarten oder in der Schule sind. Das sind genau die falschen Arbeitszeiten." Gerade Reinigungsarbeiten oder Hilfsdienste im Gastronomiebereich finden vor und nach der Betriebszeit statt.

Fast 70 Prozent der beim AMS beratenen Jugendlichen stammen aus Zuwandererfamilien, ergab vor wenigen Jahren eine Umfrage. Bei der Beratung fehlt dem AMS zurzeit die gesetzliche Grundlage, um zu erfassen, wer Migrationshintergrund hat. Dieser Mangel gehört behoben, findet Homayouni: "Du musst wissen, was für Kunden du hast. Die Beratung darf nicht zu allgemein sein." Auch Bert-Jan Buiskool warnte vor "Lösungsansätzen nach Schema F". Maßgeschneiderte Maßnahmen für Migranten seien erfolgreicher gewesen als die gängigen Ansätze für Einheimische.