Wer in der Volksschule aufzeigen möchte, muss vor dem Eintritt genug Deutsch können. - © Florian Biber
Wer in der Volksschule aufzeigen möchte, muss vor dem Eintritt genug Deutsch können. - © Florian Biber

Wien. Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz aus der ÖVP verspürt derzeit kräftigen Rückenwind aus dem roten Wien. Am Dienstag drückte Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) seine Sympathie für den Ausbau der Vorschule aus. "Mithilfe der Vorschullösung für alle Kinder mit Sprachdefiziten wird wohl noch rascher gewährleistet, dass nur Kinder aus dem Kindergarten in die Volksschule kommen, die Deutsch können."

Damit stärkt er Sebastian Kurz den Rücken, der eine Art Deutschpflicht für Volksschüler fordert, was auf einen Ausbau der Vorschule hinausläuft. Kurz will das Beherrschen der deutschen Sprache als Kriterium für die so genannte Schulreife verankern: ohne Deutsch keine Schulreife sondern Vorschule, so der Plan. Derzeit ist ein Kind schulreif, wenn angenommen werden kann, dass es dem Unterricht in der ersten Schulstufe folgen kann, "ohne körperlich oder geistig überfordert" zu werden. Entschieden wird das in der Praxis vom Direktor und - wenn nötig - von Schulpsychologen. Wie unterschiedlich die Bewertung ausfällt, zeigen die Zahlen für die Bundesländer - von zwei Prozent in der Steiermark bis 18 Prozent in Salzburg reicht die Spanne der als nicht schulreif eingestuften Kinder.

Vorschule macht Schule

Doch überall gilt: Ist nur das Deutsch der Kinder schlecht, werden sie trotzdem als "außerordentliche Schüler" aufgenommen. Sie werden dann nur in den Fächern benotet, für die sie "tauglich" sind, können aber trotzdem in die nächste Klasse aufsteigen. Das will Kurz nun gesetzlich ändern. Künftig sollen Deutschnachzügler automatisch in der Vorschule anstatt "außerordentlich" in der regulären Schule landen.

Doch wer entscheidet dann, ob das Deutsch der Kleinen reicht oder nicht? Aus dem Büro Kurz heißt es, es sollten dieselben Kriterien herangezogen werden, wie sie jetzt schon verwendet werden, um ordentliche von außerordentlichen Schülern (mit Sprachdefiziten) zu unterscheiden.

Verfassungsrechtler Heinz Mayer hat den Gesetzesvorschlag für die "Wiener Zeitung" bewertet und sieht darin kein verfassungsrechtliches Problem.

Angestoßen hat die Vorschul-Offensive die Wiener Stadtschulrätin Susanne Brandsteidl von der SPÖ. Von 14. bis 25. Jänner können Eltern ihre Kinder in die Volksschule einschreiben. Das nahm Brandsteidl zum Anlass, um die Vorschulen noch stärker in den Fokus zu nehmen. "Wer nicht versteht, was gesagt oder geschrieben wird, hat in der Schule keine Chance. Besser ein zusätzliches Förderjahr am Anfang als eine langfristig negative Schullaufbahn."

Derzeit gibt es in Wien 117 Vorschulklassen mit insgesamt 1658 Schülern von insgesamt 16.000 Schul-Einsteigern. Das wiederum griff der Integrationsstaatssekretär auf und verkündete es als Bestätigung für seinen Kurs. Das stimmt - aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Ein Sprecher von Brandsteidl betont, dass die Vorschul-Politik schon jetzt gängige Praxis sei und es dafür keine Gesetzesänderung brauche. Die Praxis: Mangelnde Deutschkenntnisse gehen oft mit kognitiven und sozialen Mängeln einher oder sind sogar die Folge dieser Mängel. Das gibt den Direktoren einen gewissen Auslegungs-Spielraum.

Vorschule stärker nutzen

Schon seit 2008 legt der Stadtschulrat den Schulen nahe, bei sprachlichen Defiziten stärker die Vorschule in Anspruch zu nehmen. Diesen Fokus auf die deutsche Sprache wolle man nun noch weiter verstärken. Dass die Zahl der Vorschüler dadurch weiter steige, sei zu erwarten.

Das Modell der Deutschpflicht bedarf laut Kurz aber sehr wohl einer "gesetzlichen Deckung". In der Tat stellt sich die Frage, was passiert, wenn Eltern, deren Kind nur wegen sprachlicher Defizite in die Vorschule geschickt wird, dagegen klagt.

Gegen ein Gesetz ist Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Sie hält es für sinnvoller, wenn Kinder die Sprachdefizite im Regelunterricht aufholen - mit verstärkter Förderung und der Möglichkeit, für die ersten zwei Jahre Volksschule drei Jahre zu brauchen.

Das zweite verpflichtende Kindergartenjahr als Alternative zur Vorschule dürfte vorerst vom Tisch sein, lässt Häupl durchblicken. Zwar fordern es noch immer alle Seiten, doch zu groß ist der ideologische Graben im Detail: Die SPÖ will es für alle Kinder, die ÖVP nur für Kinder mit Sprachschwierigkeiten.