Mehr als eine Million Hausbesuche pro Jahr werden von den Landärzten österreichweit absolviert. - © fotolia
Mehr als eine Million Hausbesuche pro Jahr werden von den Landärzten österreichweit absolviert. - © fotolia

Wien. In Fernsehserien wie "Der Landarzt" oder "Der Bergdoktor" sind die Ärzte die Stars: Rettende Engel, die Dorfbewohner selbst in entlegensten Winkeln besuchen, um zu helfen - und dafür bewundert werden. Das wahre Leben sieht allerdings ganz anders aus. Idyllisch scheint ein Landarzt-Job selten zu sein, gibt es doch laut Österreichischer Ärztekammer (ÖÄK) immer weniger Bewerber. Das Fatale daran: Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird die Hälfte der derzeit praktizierenden Landärzte in Pension gegangen sein - eine Unterversorgung auf dem Land droht.

"Der Beruf muss im Rahmen der Gesundheitsreform attraktiver gemacht werden", forderte ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger am Mittwoch: durch leistungsgerechte Honorare, eine familienfreundlichere Bereitschaftsdienst-Regelung und weniger Bürokratie. Vor allem aber müsse die medikamentöse Versorgung durch Hausapotheken in den Praxen der Landärzte weiter gesichert sein, so Wechselberger. Der ÖÄK-Präsident spricht damit jene Gesetzesnovelle an, die Apothekern ab Ende 2013 erlaubt, in Gemeinden mit zwei Kassen-Allgemeinmedizinern eine öffentliche Apotheke einzurichten.

Zudem war bereits 2006 die Apotheken-Schutzzone von vier auf sechs Kilometer ausgeweitet worden. Seitdem dürfen Ordinationen auf dem Land, die weniger als sechs Kilometer von einer Apotheke entfernt sind, nach einer Übergabe die Hausapotheke nicht weiterführen. Ein massives Schrumpfen der Zahl der Ordinationen mit Hausapotheken war die Folge: von 964 im Jahr 2006 auf heute 885.

Diese Einbußen ließen die Bereitschaft, Landarzt zu werden, sinken - und sie sinkt laut Wechselberger weiter. Zahlreiche Stellen müssten mehrfach und österreichweit ausgeschrieben werden und könnten dennoch nicht nachbesetzt werden. "Grund dafür ist auch die Feminisierung des Arztberufes - es gibt bereits mehr Allgemeinmedizinerinnen als Allgemeinmediziner. Auf dem Land sind aber noch immer 80 Prozent der Ärzte männlich. Die Voraussetzungen in dieser männerdominierten Welt müssten auch dahingehend geändert werden, dass sie für eine Frau mit Familie attraktiver werden."

Lücke in der Ausbildung angehender Mediziner


Es sei ein entscheidender Schritt, von der Stadt, wo man zum Arzt ausgebildet wurde, aufs Land zu ziehen, um hier eine Ordination zu eröffnen. Ein Problem nach Ansicht Wechselbergers ist, dass die Ausbildung derzeit "zu hundert Prozent in den Spitälern stattfindet". Denn: "Wie kann sich jemand für eine Tätigkeit interessieren, die er nie durchlaufen hat?" Lehrpraxen auf dem Land müssten gefördert werden.

Gert Wiegele, Obmann der Bundessektion Ärzte für Allgemeinmedizin und selbst Landarzt in Kärnten, sprach sich indes für Gruppenpraxen aus. Die Honorare dürften allerdings nicht einfach auf die Ärzte aufgeteilt werden. "Das Honorarangebot muss erhöht und entsprechend verändert werden", sagte Wiegele und fügte ironisch hinzu: "Sonst kann passieren, dass ich eines der letzten Exemplare sein werde."

Auf die demographiebedingte steigende Zahl chronisch Kranker wies Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie der niedergelassenen Ärzte, hin. Das heißt: Die Zahl der älteren Patienten wächst und mit ihr die der chronischen Erkrankungen, was einen höheren Betreuungsaufwand zur Folge hat. "Gleichzeitig werden in zehn Jahren rund 800 der derzeit 1563 Landärzte in Pension sein." Als Landarzt gilt übrigens, wer als Allgemeinmediziner mit Gebietskrankenkassenvertrag in einer Gemeinde mit bis zu 3000 Einwohnern tätig ist, oder wer als einer von maximal zwei Kassenallgemeinmedizinern in einer Gemeinde eine Ordination betreibt.

Noch stellen die Landärzte eine prominente Gruppe von 40 Prozent aller Kassen-Allgemeinmediziner dar, die 43 Prozent der Bevölkerung versorgen. Laut Steinhart ist es höchste Zeit, zu handeln, um dem drohenden Landarztsterben gegenzusteuern.