Annaberg/Wien. Wilde Schießereien, bei der vier Menschen starben. Flucht mit einem Polizeiauto. Suizid im eigenen Waffenbunker. Diese Szenen, die sich im September des Vorjahres in Annaberg (Bezirk Lilienfeld) und dem Anwesen des Täters in Großpriel (Bezirk Melk) in Niederösterreich abspielten, gehörten zu den "dramatischsten und ergreifendsten Momenten der Polizeigeschichte", sagte Claus Polndorfer, Leiter des psychologischen Dienstes im Innenministerium. Am Donnerstag wurde hier der Evaluierungsbericht präsentiert, und das Ministerium gab seine Empfehlungen ab.

"Das Vorgehen war lageangepasst und zielorientiert", hieß es. Der Soziologe und wissenschaftliche Leiter des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie in Wien, Reinhard Kreissl, bezweifelt allerdings im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", dass tatsächlich alles so perfekt gelaufen ist.

Laut Konrad Kogler, Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit im Ministerium, sind jedenfalls "keine Faktoren festgestellt" worden, "die die Tathandlungen durch Alois H. zwingend verhindern hätten können". Der Täter habe ein atypisches Verhalten gezeigt und jede Möglichkeit zur Flucht ausgeschlagen - stattdessen habe er aktiv die Konfrontation mit der Polizei gesucht.

"Ohne Cobra hätte die Dynamik eine andere sein können"


"Dieses Verhalten war berechnend und gezielt auf Beamte und Sanitäter gerichtet", sagte dazu Polndorfer. Aber warum? Darauf gebe es nur eine Antwort: "H. hat seinen Suizid verteidigt." Sobald er gemerkt hatte, dass die Polizei hinter ihm her ist, "wollte er um jeden Preis an seinen Wohnort zurückkehren, um seinen vermutlich lange geplanten Suizid durchzuführen". Dabei ging der begeisterte Schütze und Waffennarr, der sich später als gesuchter Wilderer entpuppte, über Leichen. Mit einem Sturmgewehr, einer weiteren Langwaffe und einer Glock bewaffnet tötete er auf dem Weg von Annaberg zu seinem Anwesen in Großpriel einen Cobrabeamten, einen Sanitäter, zwei Polizeibeamte - und schließlich sich selbst.

Trotz des positiven Evaluierungsberichtes glaubt Kreissl, "dass die Dynamik eine andere hätte sein können, wenn man nicht gleich das große Geschirr ausgepackt und die Cobra eingesetzt hätte". Während der Verfolgungsjagd selbst hätten die Beamten "State of the Art" gehandelt. Dass vom ersten Moment an das hoch spezialisierte Einsatzkommando anwesend war, könnte allerdings die Situation verschärft haben. Darüber, warum die Cobra bei der Suche nach einem gewöhnlichen Wilderer half, mutmaßt Kreissl: "Vielleicht, weil der schöne Sport der Jagd in gewissen politischen Kreisen hoch geschätzt wird und daher durchaus Interesse am Wilderer bestand."

Marius Gausterer vom Referat für Einsatzangelegenheiten rechtfertigt den Cobra-Einsatz anders. Demnach habe man seit 2011 wegen zahlreicher Eingriffe in das Jagd- und Fischereirecht nach einem unbekannten Täter gefahndet. Dieser soll sogar einmal einen Jäger mit einem Messer attackiert haben. Daher ging "die Einsatzplanung von einem potenziell gewaltbereiten Verhalten des Täters aus" und zog Cobrabeamte hinzu. Insgesamt waren es drei, Polizeibeamte waren elf beteiligt.

Im Herbst 2013, zu Beginn der Hirschbrunft, legten sich diese bei einer bekannten Hirschwiese mehrere Tage auf die Lauer. Als H. in der Nacht auf 17. September schließlich in seinem Pickup auftauchte, nahm die Kette an dramatischen Vorfällen ihren Lauf.

Das Tragen von Schutzwesten könnte verpflichtend werden


Drei von vier Opfern schoss H. in den Hals- respektive Kopfbereich. Eine Schutzweste, wie sie keiner der Beteiligten trug, hätte ihnen nichts geholfen. Ein Cobrabeamter starb durch die Splitterwirkung eines Projektils. "Wenn er eine Schutzweste getragen hätte, hätte das den Verletzungsgrad reduziert beziehungsweise das Leben gerettet", so Gausterer. Eine Empfehlung der Evaluierungskommission ist nun, dass die "Wahlfreiheit des Tragens von Schutzausrüstungen bei Gefahrenlagen zu prüfen" sei. Empfehlungen wie diese begrüßt auch Kreissl. Und, "dass die Vorfälle überhaupt evaluiert wurden".