Wien. Der Mann ist durchaus finanziell liquide. Er arbeitet seit langem an der Universität Wien, hat ein solides Einkommen und eine Eigentumswohnung. Als er eine Kreditkarte beantragt, wird er zu seinem großen Erstaunen abgelehnt. Die spärliche Begründung: fehlende Bonität. Der Wissenschafter fühlt sich in seiner Ehre verletzt und fragt nach. Doch die Angestellte der Kreditkartengesellschaft gibt sich ratlos und meint, es handle sich um einen Fehler.

Dann rutscht ihr ein Geschäftsgeheimnis heraus: Seine Adresse sei schuld am negativen Urteil. Der Kunde wohnt im 22. Bezirk - mit im Durchschnitt eher niedrigen Einkommen. Aus Statistiken entsteht ein Generalverdacht. Die Praxis heißt Kreditscoring. Auch Banken, Versandhäuser und Mobilfunkbetreiber nutzen sie. Die Arbeiterkammer Wien (AK) beleuchtet jetzt in einer neuen Studie die Situation in Österreich, die heute veröffentlicht wird und der "Wiener Zeitung" bereits im Vorfeld vorlag.

Der Handel mit Kundendaten boomt. Um die ständig wachsende Masse an Daten verarbeiten und vor allem für ihre Zwecke nutzen zu können, verlassen sich vor allem Banken auf das Kreditscoring. Man kennt Scoring vielleicht aus dem Sport: Menschen oder ihren Leistungen wird ein gewisser Vergleichswert zugeordnet. Beim Kreditscoring werden Informationen über Kunden gesammelt und mit ähnlichen Fällen verglichen. Letztendlich soll das mathematische Verfahren eine Zahl "ausspucken", die ein verbindliches Urteil über die Kreditwürdigkeit abgeben soll.

Hinter
verschlossenen Türen

"Die Frage ist, welche Daten verwendet werden und ob die Banken die richtigen Schlüsse daraus ziehen", sagt Daniela Zimmer, Konsumentenschützerin bei der AK. "Kreditscoring bedeutet immer eine Einschränkung der Privatsphäre", sagt Jaro Sterbik-Lamina vom Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA), das die Studie für die AK durchführte. Besonders brisant sei dabei, dass Scoring hinter verschlossenen Türen stattfindet.

Banken sind eigentlich verpflichtet, ihre Kunden einmal jährlich darüber zu informieren, welche Daten gespeichert werden. Doch den eigenen Score zu erfahren, ist für Kunden schwierig bis unmöglich. Das zeigt die Untersuchung. "Das Antwortverhalten der Banken war schockierend", so der Datenschutz-Experte.

Scoring
birgt Gefahren

"Kreditscoring an sich ist keine schlechte Sache. Mehr Information nützt allen Seiten - aber nur, wenn es zu mehr Transparenz führt", kommentiert der Verteilungsökonom Giacomo Corneo von der Freien Universität Berlin. Doch an der Transparenz hapert es gewaltig, das zeigt die Studie eindeutig.

Gesammelt werden die Daten von den Banken selbst, aber auch von Auskunfteien, die sie dann weiterverkaufen. Die größten Anbieter in Österreich sind der Kreditschutzverband, der Alpenländische Kreditorenverband und das globale Unternehmen CRIF, das in Österreich vor 2011 unter dem Namen DeltaVista firmierte.

Dass Banken ihre Kunden prüfen, bevor sie Kredite gewähren, ist natürlich legitim und schon lange Praxis. "Wir sind vor allem unseren Kunden mit guter Bonität verpflichtet", sagt Michael Bauer von der Bawag P.S.K. "Wir können nicht jedem einen Kredit geben. Es geht ja auch darum abzuschätzen, ob es für den Kunden überhaupt Sinn macht. Manchmal ist es einfach besser, keinen Kredit zu gewähren. Es hat auch mit Fairness zu tun. Diejenigen, die brav zahlen und sich ordnungsgemäß verhalten, werden belohnt."

Doch dass sich Banken zunehmend auf statistische Verfahren zur Einschätzung ihrer Kunden verlassen, bringt auch Probleme mit sich: unsicherer Datenschutz, Intransparenz und die latente Gefahr der Diskriminierung. Denn längst entscheiden nicht mehr nur Einkommen und Vermögen des Kunden.

Weiche Faktoren,
harte Urteile

Neben diesen harten Fakten werden laut der Studie heute auch sogenannte weiche Faktoren hinzugezogen: Der Vorname des Kunden, sein Wohnort, die Zahl seiner Umzüge, sein Familienstand und seine generelle Zahlungsmoral werden unter die Lupe genommen. Es kann also durchaus passieren, dass ein "Kevin" oder "Mustafa" einen niedrigeren Score und damit einen schlechteren Zinssatz bekommt als der Kollege namens Josef. Datenschützer klagen längst über "statistische Vorurteile", das Wochenmagazin "Der Spiegel" spricht gar von einer "neuen Klassengesellschaft", die da entstehe. Die Banken halten sich erwartungsgemäß bedeckt. Darüber, welche Daten verwendet werden, schweigen sie.

"Der Vorname fließt bei uns nicht in die Berechnung ein - das wäre ja diskriminierend", sagt Michael Bauer von der Bawag P.S.K. Der Familienstand und auch die Ausbildung spielen dagegen schon eine Rolle: "Man sammelt damit positive Punkte. Kunden mit Uni-Abschluss haben nun mal tendenziell niedrigere Ausfallswerte."

Die Datenschützer bei der AK halten diese Zahlengläubigkeit für potenziell gefährlich. "Scoring ist teilweise wirklich Quacksalberei", sagt Daniela Zimmer von der AK. Eine vorangegangene Studie der deutschen Verbraucherzentrale hatte eine Testperson zu verschiedenen Banken geschickt, um einen Kredit zu beantragen. Das Ergebnis: Mal hohe Zinsen, mal niedrige Zinsen - und eine Ablehnung. "Einer wissenschaftlichen Überprüfung hält das niemals stand", so Zimmer. "Menschen sind keine Zahlen."