Wer könnte das sein?

Das kann man jetzt noch nicht sagen. Sicher ist nur, dass diese Person - ins Putins Augen - bestimmte Eigenschaften auf sich vereinen muss. Das Wichtigste ist: Der Nachfolger sollte zu Putin absolut loyal sein. Loyal unter allen Bedingungen, guten wie schlechten. Ganz wie Putin selbst. Der war seinem Mentor Anatoli Sobtschak, dem Gouverneur von St. Petersburg, ebenfalls treu ergeben. Als Sobtschak von Seiten des Staates unter Druck kam - es wurde gegen ihn ermittelt - hat Putin als Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB seinem Mentor geraten, für eine Weile das Land zu verlassen. Putin riskierte damit seine Karriere und seine Position - wegen einer Loyalität zu einem Mann, der nicht mehr in der Lage war, ihm in irgendeiner Weise zu nutzen. Diese Art von Loyalität ist für ihn das Wichtigste.

Welche Eigenschaften braucht es sonst noch?

In Russland müssen Sie in der Lage sein, resolut und kühn zu handeln, ohne Angst. Und wenn es hart auf hart kommt, müssen Sie auch brutal sein können. Als Putin an die Macht kam, dachten die Oligarchen, er würde ihre Puppe werden. Sie sagten ihm, du wirst uns keine Anweisungen geben, du wirst uns nicht herumkommandieren. Und Putin sagte: Doch, das werde ich. Die Oligarchen gaben ihm zu verstehen: Das wird dein Ende sein. Und er sagte: Wir werden sehen. Nach ein paar Jahren waren die Oligarchen in Russland kein Machtfaktor mehr. Hatte Putin dabei seine Karriere, sein Leben riskiert? Ja. Ein Präsident, der in den Augen der Russen diesen Titel auch verdient, muss hart durchgreifen können, um zu verhindern, dass das Land destabilisiert wird. Er muss aber auch ein Vermittler zwischen den unterschiedlichen Interessensgruppen innerhalb der Elite Russlands sein.

Etwa den Geheimdienstlern und den Wirtschaftsliberalen?

Ich meine eher die Öl- Lobby, die Gas-Lobby, die Landwirtschafts-Lobby und andere Gruppen. Da müssen Sie vermitteln können. Die Grundvoraussetzung dafür ist, dass sie von allen respektiert werden - was nicht leicht ist, denn diese Geschäftsleute können rücksichtslos und brutal sein. Die müssen Sie in die Schranken weisen können - was Putin getan hat. Vor einer Dekade etwa gab es in der Provinz einen Konflikt zweier Business-Gruppen. Das Ganze eskalierte, hunderte Jobs drohten verlorenzugehen. Der Bürgermeister konnte nichts tun, der Gouverneur nicht, auch der Premierminister nicht, also ging die Sache rauf bis in den Kreml. Putin kam in die Stadt, und binnen weniger Stunden wurde eine Vereinbarung geschlossen. Die Oligarchen hatten ein Papier zu unterschreiben, das sie möglicherweise nicht einmal gelesen hatten. Um Russland zu regieren, müssen Sie so handeln. Wir haben eine andere politische Kultur als Westeuropa.