Erbil. Nach großen Menschheitsverbrechen braucht es Persönlichkeiten, die sich auf die Suche nach Gerechtigkeit machen. Menschen, die das Grauen dokumentieren, die den Opfern Gehör schenken und die Täter auf die Anklagebank bringen.

Menschen wie Faris Yusef Jajo, ein chaldäischer Christ aus Alqosh, im Irak. Jajo war von 2014 bis 2018 unter Premierminister Haider al-Abadi irakischer Minister für Wissenschaft und Technik und leitet nun die Nichtregierungsorganisation "Shlomo - Zentrum für Dokumentation", die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Verbrechen der Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) im Irak und Syrien zu recherchieren und zu dokumentieren.

Wenn man Jajo in seinem Büro im christlichen Stadtteil Ankawa in der nordirakischen Stadt Erbil besucht, dann erinnert vieles vom Ambiente im Haus von Jajos Organisation an das Büro von Simon Wiesenthal im ersten Bezirk in Wien. Rote und blaue Ringordner, Dokumentenkisten, Landkarten. In Wiesenthals Büro gab es Bücher, Ordner und Aktenkartons.

Faris Yusef Jajo steht mit seiner Arbeit auch in der Tradition Wiesenthals: "Recht, nicht Rache" war der Leitspruch des Nazijägers, der eine wichtige Rolle bei der Ergreifung von Adolf Eichmann spielte. Eichmann war einer der Hauptverantwortlichen für die Ermordung von sechs Millionen Juden.

Die Menschheit verfällt regelmäßig in grausamen Blutrausch, doch immerhin gilt heute als ausgemacht, dass dem Verbrechen Strafe folgen muss. Nach dem grausamen Genozid an den Tutsi durch Hutu-Milizen in Ruanda im Jahr 1994 wurde ein Internationaler Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR) eingerichtet, der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien urteilte vom 25. Mai 1993 bis zum 31. Dezember 2017 84 Kriegsverbrecher ab. Das gibt Menschen wie Faris Yusef Jajo Hoffnung, dass eines Tages auch die Verbrechen des Islamischen Staates (IS) gesühnt werden.

Die Organisation Shlomo nahm am 12. Jänner 2016 seine Tätigkeit auf, Shlomo begann mit der Dokumentation von Verbrechen, die der Islamische Staat an Christen, Jesiden und Vertretern anderer religiöser Minderheiten im Irak und Syrien begangen hat. Bis dato haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 32.814 Zeugenaussagen gesammelt, insgesamt wurden Berichte über insgesamt 11.584 Familien, die Opfer des IS wurden, angefertigt.

Mossuls Erzbischof Johannes Botros Moshi in den Ruinen der Kirche von Tahra. - © afp
Mossuls Erzbischof Johannes Botros Moshi in den Ruinen der Kirche von Tahra. - © afp

Jajo greift einen Ordner mit Zeugenaussagen heraus: A.A.M., geboren im Jahr 2000, Geschlecht: Männlich. A.A.M. stammt aus Bartella, 25 km östlich von Mosul. Datum der Tat: 9.6.2014. Täter: IS. Die seitenlange Zeugenaussage ist am Ende kurz zusammengefasst: Mutter gefoltert, A.A.M. selbst in aller Öffentlichkeit geschlagen und gefoltert. Zum Übertritt zum Islam gezwungen. Beide haben schwere psychische Traumata erlitten. "Ich fühle mich die ganze Zeit wie tot und versklavt. Mein psychischer Zustand ist immer noch schlecht, ich verspüre bis heute Furcht. Wir wissen nicht, wie wir jemals wieder ein normales Leben hier führen sollen", gibt A.A.M. zu Protokoll.