Wien. Er ist 14 Jahre alt, schwarz und trägt eine Schuluniform. Aus dem Nichts umzingeln ihn vier Polizisten. Sie drücken ihn gegen eine Wand, nehmen seine Fingerabdrücke und konfiszieren sein Handy. Der Bub wirkt verstört und ängstlich. Was die Beamten zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Sie haben den Falschen. Fälschlicherweise von einer Gesichtserkennungssoftware identifiziert, wurde der Schüler zum Ziel der britischen Behörden und zum Opfer der jüngsten Entwicklung im Bereich der automatisierten Überwachung. Ein Einzelfall?

Geht es nach den Kritikern der neuen Technologie, vermutlich nicht. Denn Sicherheitsbehörden in westlichen Staaten, allen voran in den USA und in Großbritannien, setzen vermehrt auf diese Art der Identitätsfeststellung. Und das trotz bereits bekannter Mängel. So berichtete der "Guardian", dass etwa die Hälfte aller Amerikaner sich schon in einer landesweiten zum Abgleich verwendeten Gesichtsdatenbank der Sicherheitsbehörden befindet, während die Technologie auf den britischen Inseln im südlichen Teil von Wales, Leicestershire und London großflächig getestet wird. Aber auch andere Staaten finden an der Gesichtserkennung gefallen: So wurde in Deutschland voriges Jahr ein Pilotprojekt am Berliner Bahnhof gestartet, während das Bundeskriminalamt in Österreich erste Testläufe im Dezember geplant hat.

Warum man zu diesen Programmen greift, ist einfach erklärt: So sind Videoaufnahmen, die mit einer Gesichtserkennungssoftware ausgestattet sind, äußerst hilfreich, um eine Tat aufzuklären und einen Verdächtigen zu überführen. Und dass die Technologie der Gesichtserkennung im großen Stil funktioniert, beweisen China und andere autoritäre Staaten. Wie aus einem Bericht der "New York Times" hervorging, nutzte die chinesische Regierung Gesichtserkennungssysteme, um die vorrangig im Nordwesten lebende muslimische Minderheit der Uiguren in Echtzeit zu identifizieren und zu verfolgen. Insgesamt seien dabei innerhalb eines Monats 500.000 von ihnen aufgezeichnet und kontrolliert worden.

Microsoft, Amazon und IBM

Im Westen werden solche Gesichtserkennungssysteme unter anderem von Microsoft, Amazon und IBM entwickelt und vertrieben, aber auch Start-ups spielen eine immer größere Rolle in dem kontinuierlich wachsenden Markt. Die Programme, die von Behörden ebenso wie von Supermärkten gekauft werden, funktionieren anhand eines Algorithmus, der das Gesicht einer zu identifizierenden Person mit einer umfangreichen Datenbank von gespeicherten Bildaufnahmen vergleicht.