In den riesigen Arenen der evangelikalen Kirchen stößt sich allerdings niemand an solchen Positionen. Dort erntet Alves als Pastorin ausschließlich Zustimmung für ihre erzkonservativen Ansichten. Sie trägt dabei meistens eine einfache Bluse. Sie sieht dann aus und redet wie die Nachbarin von nebenan. "Ich habe zu 20.000 Menschen in der Kirche gesprochen. Wenn diese Leute damit nicht einverstanden wären, wären sie aufgestanden und gegangen. Aber sie sind geblieben", sagt sie.

Dass die evangelikale Bewegung in Brasilien einen derartig großen Zulauf verzeichnen, hängt auch mit dem schleichenden Bedeutungsverlust der katholischen Kirche zusammen, der trotz oder gerade wegen des ersten lateinamerikanischen Papstes die Gläubigen in Scharen weglaufen. Aus der Sicht der evangelikalen Kirchen ist Franziskus links. Er will mit seiner Umweltenzyklika die Erde nicht mehr antasten, dabei steht doch in der Bibel: "Macht Euch die Erde untertan." Und Franziskus schweigt zu den linken Diktaturen in Kuba, Venezuela und Nicaragua, was diese als Zustimmung auslegen. Die evangelikale Kirche fülle eine Lücke aus, die die katholische hinterlasse, sagt Alves. "Die Leute brauchen keine Priester, die acht Jahre Latein lernen, sondern die ihren Glauben wiederbeleben."

"Bolsonaro ist kein Rassist"

Mit Inbrunst verteidigt Alves auch ihren Präsidenten, der in der Vergangenheit mit homophoben Sprüchen ("Lieber ein toter als ein schwuler Sohn") oder frauenfeindlichen Parolen gegenüber einer linken Politikerin aufgefallen ist ("Sie sind zu hässlich, um vergewaltigt zu werden"). "Sie nennen ihn homophob, aber er hat schwule Freunde. Sie nennen ihn rassistisch, aber er hat schwarze Freunde", sagt sie. Und der Präsident schätze, dass ihr Ministerium eine LGBT-Abteilung habe. Bolsonaro habe in Wahrheit nichts gegen Schwule oder Feministinnen, sondern nur etwas gegen die Ideologie, die dahinterstehe. Einer Einstellung, die Buben das Recht nehmen wolle, "Prinzen", und Mädchen, "Prinzessinnen" zu sein. Die Zeiten der "Entprinzessisierung" seien nun aber vorbei, stattdessen will die 54-Jährige den Eltern die Autorität über die Erziehung ihrer Kinder zurückgegeben.

Alves Weg in die Politik begann als Pastorin, Anwältin und später als Beraterin in einer Regionalregierung. Ihre Ernennung als Familien- und Frauenministerin begreift sie nun als einen Auftrag zur Korrektur des linken Zeitgeistes der Jahre unter den linken Präsidenten Lula da Silva (2003 bis 2011) und Dilma Rousseff (2011 bis 2016).

Sie werde bedroht, weil sie sich für Frauen einsetze, die nicht abtreiben wollen, sagt Alves. Weil sie gegen Kindesmissbrauch und Prostitution kämpfe. "Wer ist also gegen mich: Pädophile, Korrupte, Banditen, Frauenhändler, Kinderhändler, Abtreibungsaktivisten. Ich bin Präsidentin der Bewegung Brasilien ohne Drogen, also ist auch die Drogenmafia gegen mich." Damares Alves strebt einen kulturellen Wechsel an. Es gäbe nicht nur in Brasilien das falsche Verständnis, dass Menschenrechtsaktivisten nur links seien. Das sei aber falsch. "Auch rechte Aktivisten haben das Recht auf Schutz und Respekt. Und ich bin eine rechte Menschenrechtsaktivistin."