Alpbach. US-Ökonom Jeffrey Sachs ist seit einigen Jahren Stammgast beim Europäischen Forum Alpbach. In der Seminarwoche befasste er sich mit dem Zustand der aktuellen globalen Wirtschaft und analysierte die sich wandelnde geopolitische Landschaft seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Er diskutierte auch leidenschaftlich mit den Studenten über die Implikationen der digitalen Revolution und die Rolle des Staates in der Marktwirtschaft. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Sachs im Hotel Alpbacherhof.

"Wiener Zeitung": Die Weltwirtschaft steht vor einer Phase der Abkühlung. Wie lautet Ihre Prognose?

Jeffrey Sachs: Derzeit lasten vor allem politische Risiken auf der Weltwirtschaft. Donald Trump sorgt für jede Menge Unsicherheit und Kontroversen. Ich rechne auch mit einer weiteren Zunahme der Spannungen mit China. Zudem deutet alles darauf hin, dass die zyklische Erholung der Wirtschaft abgeschlossen und eine Abkühlung sehr wahrscheinlich ist. Wir müssen mit einer Stagnation oder sogar mit dem Eintritt in eine Phase der Kontraktion rechnen.

Rechnen Sie mit einer harten oder einer sanften Landung?

Der Grund für den Crash von 2008 war vor allem das Versagen bei der Abwicklung des Zusammenbruchs der Investmentbank Lehman Brothers. So etwas sehe ich derzeit nicht. Aber es gibt andere Unsicherheitsfaktoren, die Sorge bereiten: Der Präsident der Vereinigten Staaten ist aus meiner Sicht mental instabil und das alleine ist schon ein schwerer Schock für das internationale System. Dazu kommt der Handelsstreit zwischen den USA und China. Auch die derzeitigen Unruhen in Hongkong sind ein Faktor. Eine Explosion der politischen Lage in Hongkong hätte gewaltige Auswirkungen auf China und die ganze Welt. Der Brexit ist eine weitere mögliche Quelle für große systemische Schocks. Und dann ist da noch der derzeitige Konflikt zwischen Indien und Pakistan. Sie sehen, die Liste der Dinge, die in nächster Zeit schiefgehen können, ist ganz schön lang. Angesichts der derzeitigen politischen Führungen in vielen Ländern kann man nicht ausschließen, dass sich die Probleme zu echten Krisen auswachsen.

Der für Europa unangenehmste drohende Schock ist der Brexit, der mit 31. Oktober droht. Was ist eigentlich der Grund dafür, dass US-Präsident Donald Trump den Brexit befürwortet?

Das rührt aus einer tiefen Abneigung Trumps gegenüber Europa. Trump ist ein negativer, naiver Nationalist. Alles, was einen anderen Teil der Welt stärkt, bedroht aus seiner Sicht die Vormachtstellung der USA. Daher sieht er ein starkes Europa negativ. Das steht natürlich im völligen Gegensatz zur langjährigen Außenpolitik der Vereinigten Staaten. Aber das ist für Trump unerheblich. Für ihn ist die Welt voller Feinde und Antagonisten. Ein starkes Europa ist ein Antagonist und kein Verbündeter. China ist für ihn sowieso ein Antagonist. Beim Brexit sind natürlich auch andere Dinge im Spiel. In Großbritannien selbst spielt wohl Nostalgie, eine Sehnsucht nach einer längst vergangenen Ära des mächtigen britischen Empire eine Rolle.

Interessant ist freilich, dass es keine klaren Mehrheiten - weder für den Brexit, noch für die Positionen von Donald Trump - gibt. 55 bis 60 Prozent der Amerikaner lehnen Trumps Amtsführung klar ab, auch Boris Johnson hat keine Mehrheit hinter sich. Ein Brexit ohne Deal mit der EU wird von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt. Die Konsequenzen eines No-Deal-Brexit werden für Johnson und die Tories jedenfalls gravierend sein.

Mit welchen wirtschaftlichen Konsequenzen rechnen Sie im Falle eines harten Brexit?

Die nächsten Jahre werden in so einem Fall sehr schwierig werden. Die Idee, dass Großbritannien alleine auf der Welt besser bestehen kann, als wenn es Mitglied der EU bleibt, ist töricht.

Am Freitag gab es auch in Alpbach eine Demonstration zur Klimakrise. Was halten Sie von den Klimaprotesten?

Die sind zu begrüßen. Die durchschnittliche globale Temperatur hat sich seit Beginn der Industrialisierung bis zum heutigen Tag um circa 1,1 Grad Celsius erhöht. Derzeit haben wir es mit einer Temperaturerhöhung von 0,2 bis 0,3 Grad pro Dekade zu tun. Wir müssen uns also bis zur Mitte unseres Jahrhunderts auf eine Temperaturerhöhung von mehr als 1,5 Grad einstellen. Das ist zwar ein echtes Problem, aber es ist noch nicht alles verloren. Die Kosten für Wind und Solarenergie sind dramatisch gesunken. In Teilen der USA werden heute sogar Gaskraftwerke stillgelegt, und zwar nicht weil das die Regulatoren wollen, sondern aus rein ökonomischen Gründen. Alternative Technologien werden immer kostengünstiger, ein Nachhaltigkeitsinvestitionsprogramm für die nächste 25 Jahre würde Jobs schaffen und massiv zu einem Wirtschaftsaufschwung beitragen.

Ist es dafür nicht bereits zu spät?

Ja, es ist spät. Aber jede weitere Verzögerung macht die Risiken noch unbeherrschbarer. Alles spricht also für sofortiges Handeln. Europa sollte also das tun, was von der neuen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede versprochen wurde: Nämlich in 100 Tagen ein europäisches Gesetz zu präsentieren, das dazu führt, dass bis 2050 Europa netto keine Treibhausgase mehr in die Atmosphäre bläst. Heute gibt es zum ersten Mal einen europäischen Plan, mit Investitionen dahinter, und einem Pfad, wie man dieses Ziel erreichen will. Der nächste Schritt: Europa sollte in dieser Frage die Zusammenarbeit mit China suchen. Das könnte etwa im Rahmen der Seidenstraßen-Initiative passieren. Indem Europa etwa gemeinsam mit China an einem eurasischen Stromnetz baut, das in einem weiteren Schritt auch Afrika einschließen könnte. Europa und China könnten Nachhaltigkeit ins Zentrum einer gemeinsamen Eurasien-Politik rücken.

Viele - und es sind nicht nur notorische Pessimisten - verzweifeln angesichts der Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht: Klimawandel, Demografie und Bevölkerungswachstum, drohender Rohstoffmangel. So viele Risiken, und zu wenig Hoffnung.

Nur nicht verzweifeln! Wir leben in einer Epoche gewaltiger technologischer Fortschritte. Wir haben heute die technischen Möglichkeiten, den von Ihnen aufgezählten Krisen zu begegnen. Wir wissen, dass das Weltenergiesystem ohne Kohlenstoff auskommt. Und die Kosten für ein solches Energiesystem sind bewältigbar und auf längere Sicht sind Erneuerbare billiger als die bisherigen Energieträger. Unsere Probleme sind vor allem politischer Natur. Die Probleme sind lösbar. Was fehlt, ist der politische Wille.

Was tun?

Vielleicht sind jetzt einige Ihrer Leserinnen und Leser überrascht, wenn ich sage, dass ich in der Hoffnung auf Problemlösung auf Europa blicke. Und es kann gut sein, dass einige Europäer mir jetzt entgegenhalten: "Aber wir sind doch erledigt!" Ein Faktum ist aber, dass Europa das Zentrum nachhaltiger Entwicklung und ein Vorbild in dieser Frage für die gesamte Welt ist. Donald Trump ist eine Aufforderung an Europa: Agiert gemeinsam und wagt euch an die Führungsrolle der Welt heran. Seid vereint und führt. Wenn man die Welt durch die Donald-Trump-Matteo-Salvini-Boris-Johnson-Brille ansieht, dann ist das Bild hoffnungslos. Wenn man aber die Welt durch die Brille der Kooperation, der nachhaltigen Entwicklung, des Pariser Abkommens, der technologischen Revolution und der Chancen von Partnerschaften in der Welt ansieht, dann sieht die Zukunft machbar aus.