Torun. Es ist ein kleines Buch, ein Fotoalbum nicht größer als ein Briefkuvert. Hinter die Umschlagseite hat mein Großvater in blassrosa und goldener Zierschrift geschrieben: "Offlag VIIA". Dahinter einen Dornenbusch gezeichnet. Auf die Seiten aus braunem Karton hat er ein paar Fotos geklebt - dutzende Männer, die in strammer Haltung für ein Bild posieren, hunderte Männer vor ein paar Baracken, Männer in Frauenkleidern auf einer improvisierten Bühne. Denn im Offlag VIIA, dem deutschen Kriegsgefangenenlager im oberbayerischen Murnau, in dem zeitweise tausende polnische Offiziere eingepfercht waren, gab es auch einmal eine Theateraufführung. Die Kostüme, die Requisiten - alles haben die Gefangenen aus dem gemacht, was gerade zur Verfügung war.

Mein Großvater, Jozef Czarnowski, war Leutnant der polnischen Heimatarmee. Im September 1939 ist er in den Krieg gezogen. Sein Land war überfallen worden, im Westen von Nazi-Deutschland, im Osten von der Sowjetunion. Polen musste sich bald geschlagen geben. Zuerst fiel Jozef Czarnowski der Sowjetarmee in die Hände, dann der Wehrmacht. Zur Zwangsarbeit eingeteilt, berief er sich auf seinen militärischen Rang. Am 17. August 1940 ist er ins Offlag VIIA überstellt worden. Das belegt ein Papier des Roten Kreuzes.

Jozef Czarnowski zog als Leutnant der polnischen Heimatarmee in den Krieg. - © privat
Jozef Czarnowski zog als Leutnant der polnischen Heimatarmee in den Krieg. - © privat

Ein anderes Dokument hatte ihm zuvor das Leben gerettet. Im Herbst 1939 war er mit Soldaten aus seiner Einheit nach Hause unterwegs, nachdem das polnische Heer aufgelöst worden war. An der heutigen Grenze zu Russland griffen sowjetische Soldaten die Männer auf. Sie befahlen den Polen, sich in einer Reihe aufzustellen. Sie ließen sie die Arme vorstrecken.

Ein Russe ging die Gruppe ab, betrachtete die Hände. Wer glatte hatte, wurde nach rechts geschickt. Wer raue, abgearbeitete Hände vorzeigen konnte, hatte Glück. Er wurde als Bauer oder Arbeiter, als einfacher Soldat eingestuft und nicht als Offizier.

Mein Großvater hatte glatte Hände. Und er hatte tatsächlich einen Offiziersdienstgrad. Doch das war nicht zu beweisen. Sein Rangabzeichen hatte er kurz zuvor weggeworfen, seine Waffe ebenfalls. Jozef Czarnowski hatte nur den Ausweis eines Soldaten dabei. Es waren die Papiere eines gefallenen Kameraden. Der hatte vor seinem Tod meinen Großvater gebeten, die Dokumente seiner Familie zu überbringen.

Als der Leutnant daher in die rechte Gruppe geschickt werden sollte, zog er den Ausweis des Soldaten hervor. Die Russen ließen von ihm ab. Die anderen Männer wurden abgeführt und weggebracht, irgendwohin in den Osten. Wohin, das wusste damals noch niemand. Katyn war damals noch kein Begriff.

Erst Jahre später kam heraus, dass an diesem Ort Einheiten des sowjetischen Innenministeriums NKWD im Frühjahr 1940 tausende polnische Offiziere, aber auch Reservisten, Polizisten, Intellektuelle ermordet hatten. Bis zu 30.000 Menschen wurden erschossen, ihre Leichen in Wäldern verscharrt.

Meinen Großvater ließen sie leben. Dann fiel er den Deutschen in die Hände. Fast bis zum Kriegsende blieb er in deren Gefangenschaft. Als er freigelassen wurde, zögerte er, nach Polen zurückzukehren, wohin schon der Stalin-Terror ausstrahlte. Seine Mutter und sein Vater waren tot, Opfer eines der letzten Artilleriegefechte. Sein Elternhaus gab es nicht mehr.

Leutnant Czarnowski ging zu Bekannten seiner Familie, die mehr als 200 Kilometer von seiner Geburtsstadt Warschau entfernt lebten. Dort lernte er meine Großmutter kennen. Und blieb.