"Wiener Zeitung": Mit der Tötung von General Qassem Soleimani durch die USA hat sich der Konflikt mit dem Iran zuletzt gefährlich zugespitzt. Mit seiner Politik des maximalen Drucks versucht US-Präsident Donald Trump aber schon seit längerem, den Iran wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Welche Auswirkung haben die Sanktionen in den vergangenen Monaten gehabt?

Mahdi Ghodsi: Der Schaden ist bereits jetzt enorm. Der Iran hat nicht damit gerechnet, dass er nicht in der Lage sein wird, sein Öl zu verkaufen. Vor eineinhalb Jahren hat er insgesamt noch 2,5 Millionen Barrel pro Tag verkauft - das war wirklich viel und nach dem Atomdeal ein großer Erfolg für den Iran. Jetzt liegen wir bei 300.000 bis 500.000 Barrel pro Tag, und selbst das läuft nicht alles über offizielle Kanäle. Die im iranischen Budget bereits eingeplanten Erlöse sind also nicht so hoch ausgefallen wie erwartet. Auf der Einnahmenseite hat der Iran somit ein massives Problem, und im nächsten Kalenderjahr, das im Iran am 21. März beginnt, sind im Staatsbudget auch keine Einnahmen aus dem Ölgeschäft mehr eingerechnet. Der Effekt ist also sehr schnell eingetreten. Im Mai 2019 sind die letzten US-Ausnahmegenehmigungen für acht Staaten, die noch Öl importieren durften, gefallen, und acht Monate danach gibt es jetzt ein völlig anderes Budget.

Mahdi Ghodsi ist seit dem Jahr 2014 Mitarbeiter am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), wo er unter anderem Analysen zur iranischen Wirtschaft erstellt. Der gebürtige Iraner ist auch Mitverfasser des kürzlich erschienenen Buches "Iran in the International System: Between Great Powers and Great Ideas".  - © wiiw
Mahdi Ghodsi ist seit dem Jahr 2014 Mitarbeiter am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), wo er unter anderem Analysen zur iranischen Wirtschaft erstellt. Der gebürtige Iraner ist auch Mitverfasser des kürzlich erschienenen Buches "Iran in the International System: Between Great Powers and Great Ideas".  - © wiiw

Kann der Iran diese Ausfälle in irgendeiner Form kompensieren?

Für das Jahr 2019 wird ein Schrumpfen der Wirtschaft um 9,5 Prozent erwartet, und für diesen Einbruch ist zum größten Teil der Rückgang bei den Ölverkäufen verantwortlich. Gleichzeitig ist die iranische Wirtschaft stark zentralisiert. Es gibt sehr viele halbstaatliche Unternehmen, die mehr oder weniger direkt vom obersten Führer Ayatollah Ali Khamenei gesteuert und kontrolliert werden. Diese Unternehmen haben allerdings Steuerausnahmen, die Regierung bekommt hier also ebenfalls nicht viel Geld. Um gegenzusteuern, sind die Förderung auf Benzin gekürzt und die Steuern dafür erhöht worden. Die Ausfälle im Budget sind also auf die Schultern der Konsumenten im Iran geladen worden.

Was heißt das für den Alltag der Menschen?

Das tägliche Leben ist stark betroffen. Weil der Iran vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten ist, können nicht einmal mehr Medikamente importiert werden. Hinzu kommt, dass die Inflation seit der Revolution im Jahr 1979 immer schon sehr hoch war. Es gab nur drei oder vier Jahre, in denen die Teuerung unter zehn Prozent lag, im Regelfall waren es zwischen 20 und 40 Prozent. Die Lohnsteigerungen betrugen allerdings meist nur 20 Prozent. Schon in den vergangenen 40 Jahren hat die über ein geregeltes Einkommen verfügende Mittelklasse also eine Menge verloren. In den vergangenen zwei Jahren hat es auch Streiks von Gewerkschaftsorganisationen gegeben, weil es für zwölf Monate keine Löhne gegeben hat. Wenn man kein Geld hat, um Brot zu kaufen und seine Familie zu erhalten, dann geht man auf die Straße.