Es wird wieder geschossen in Bergkarabach. In jener mehrheitlich von Armeniern bewohnten Region, die offiziell immer noch zu Aserbaidschan gehört - obwohl sie seit dem Krieg zwischen den beiden Nachfolgestaaten der Sowjetunion in den 1990er Jahren armenisch kontrolliert wird. Seit Mitte Juli sind wieder schwere Kämpfe ausgebrochen und Todesopfer zu beklagen. Es sind die intensivsten Kämpfe seit 2016, der "eingefrorene Konflikt" im Südkaukasus entwickelt sich augenscheinlich wieder zu einem heißen Krieg.

Armenischer Soldat an der Frontlinie. - © afp/Minasyan
Armenischer Soldat an der Frontlinie. - © afp/Minasyan

Dass der Dauerkonflikt zwischen den beiden verfeindeten Ländern nicht harmlos ist, zeigt schon die Drohung Aserbaidschans vom 18. Juli, das armenische Atomkraftwerk Metzamor ins Visier zu nehmen - falls der aserbaidschanische Stausee Mingechevir oder andere strategisch wichtige Punkte des Landes getroffen werden. Aserbaidschan weiß einen mächtigen Verbündeten hinter sich: Die Türkei, deren Truppen für ein Manöver in der Konfliktregion gelandet sind, das gestern Mittwoch begann und bis zum 10. August stattfindet.

Armenien kritisierte das Manöver als "Provokation". Ein Vertreter der armenischen Seite meinte gegenüber der "Wiener Zeitung", man sehe die Gesprächsverweigerung Aserbaidschans als Grund, warum der Konflikt jetzt wieder an Schärfe gewinne. Auch die Rolle Ankaras sei "enorm destruktiv". Allerdings findet auch in dem christlichen Kaukasusland eine Militärübung statt: 150.000 russische Soldaten mit 400 Flugzeugen proben für den Ernstfall - eine reine Routineübung, die nichts mit dem Konflikt zu tun habe, versicherte Moskau. Russland ist traditionell Schutzmacht Jerewans.

Dennoch sieht es noch nicht so aus, als würde der Konflikt Russland und die Türkei in einen schweren Zwist stürzen - oder gar in einen Krieg. Moskau hat sich im Kaukasus in den letzten Jahrzehnten immer wieder als Vermittler versucht und hat Interesse an Ruhe an seiner Südflanke. Und auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan dürfte wenig Lust auf noch einen Konflikt verspüren - vor allem nicht mit Moskau.

Anlehnung an Russland

Der Konflikt zwischen christlichen Armeniern und muslimischen Aseris in Bergkarabach reicht weit zurück in die Geschichte. Im Mittelalter wurde die früh christlich geprägte Region zunächst von verschiedenen armenischen Fürstenhäusern regiert, ehe im 13. Jahrhundert die Mongolen das Land eroberten. Sie wurden bald von turkmenischen Stämmen abgelöst, die der Region auch ihren Namen gaben: Karabach, schwarzer Garten. Später war Bergkarabach Teil Persiens, das auf die armenischen Christen Druck ausübte, was diese dazu veranlasste, Schutz bei Russland zu suchen. 1805 kam Bergkarabach unter russische Herrschaft. Eine Volkszählung im Jahr 1823 ergab, dass nur noch 21,7 Prozent der Familien, die in Bergkarabach lebten, Armenier waren. Der Rest der Bevölkerung war - nach der langen islamischen Herrschaft - mittlerweile muslimisch.

Das änderte sich in den Folgejahren jedoch, da der russische Staat die christlichen Armenier gegenüber den muslimischen Aserbaidschanern bevorzugte. So wurden etwa viele Armenier als Beamte eingestellt. Der Zar förderte die Ansiedlung von Armeniern aus den umliegenden muslimischen Ländern, etwa dem Osmanischen Reich. Dort waren die christlichen Armenier eine bestenfalls geduldete Minderheit, die man schließlich im Völkermord von 1915 abschlachten ließ. Die Flucht vor diesem Völkermord ließ die Zahl der Armenier in Bergkarabach nochmals steigen, bald stellten sie die Mehrheit.

Immer wieder Pogrome

Die Konflikte der urbanisierten Armenier mit den ländlich geprägten Aserbaidschanern nahmen an Schärfe zu. Land- und Wasserknappheit trugen dazu ebenso viel bei wie die unterschiedlichen Sitten der beiden Völker: So waren vor allem bei den Aserbaidschanern Blutrache und Sippenhaftung noch weit verbreitet. Im 20. Jahrhundert kam es immer wieder zu Pogromen und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ethnien - vor allem dann, wenn es keine Vor- und Schutzmacht gab, die Schlimmeres verhinderte.

Als sich gegen Ende der 1980er Jahre in der Sowjetunion durch die Öffnungspolitik von Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow der eiserne Deckel der Diktatur hob, brachen auch die zahlreichen ungelösten Nationalitätenkonflikte der UdSSR wieder auf - schon aufgrund der eigenwilligen Grenzziehungen, die Stalin zu verantworten hatte. Der Krieg, der von 1992 bis 1994 geführt wurde, vergiftete das Klima endgültig. Zwischen 25.000 und 50.000 Menschen starben, über 1,1 Millionen wurden vertrieben.

Heute befürchtet man auf armenischer Seite Übergriffe im Ausland. So seien armenische Einrichtungen San Francisco, London und Paris beschädigt worden, auch Kirchen in Wien seien gefährdet, heißt es.