"Wiener Zeitung": Donald Trump hat wieder viel besser abgeschnitten als prognostiziert. Auf welche Bundesstaaten kommt es nun an?

Thomas Jäger: Trump steht wirklich gut da. Er wird Georgia noch hinzubekommen, es sieht in Michigan und Wisconsin gut für ihn aus, und dann läuft alles auf Pennsylvania hinaus. Die Meinungsforschungsinstitute haben sich auf alle Fälle wieder einmal geirrt, es hat sich schon relativ früh in Florida abgezeichnet, dass Trump seine Wähler mobilisieren konnte, und entsprechend eng ist das Rennen. Es wird also ein knapper Sieg für den einen oder den anderen. Es wird wegen der Briefwahl noch länger dauern, bis das Ergebnis kommt, wir müssen uns gedulden. Die Frage ist nun aber, ob sich auch Trump gedulden wird oder ob er die weitere Auszählung zu verhindern versucht. Und er hat ja schon angekündigt, dass er die Auszählung der Briefwahlstimmen stoppen will.

Thomas Jäger lehrt an der Univerität zu Köln und vertritt dort die Professur für Internationale Politik und Außenpolitik. - © privat
Thomas Jäger lehrt an der Univerität zu Köln und vertritt dort die Professur für Internationale Politik und Außenpolitik.
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Warum ist Trump erfolgreicher als erwartet?

Trump ist es gelungen, die Leute auf dem Land zu gewinnen und offenbar auch die weiße Arbeiterschaft.

Woran liegt das, dass die weiße Arbeiterschaft nicht mehr wie früher demokratisch wählt?

Weil er ihr Angst gemacht hat. Die ersten verfügbaren Wählerbefragungen zeigen ganz deutlich, dass ein Thema alle anderen überragt hat: die Wirtschaft. Wir haben in den Umfragen gesehen, dass Biden bei den Themen Krankenversicherung oder Umweltschutz vorne lag. Aber sobald es um Wirtschaft ging, hat Trump die Nase vorne gehabt. Offenbar glaubten viele Wähler, dass der wirtschaftliche Aufschwung, den das Land nun braucht, mit ihm besser zu bewerkstelligen ist.

Warum trauen sie Trump das zu?

Weil er es ihnen erzählt hat. Weil er den Teufel eines sozialistischen, dirigistischen Staates an die Wand gemalt hat. Wobei man dazu sagen muss: Über die Hälfte hat ihm das nicht geglaubt. Aber seine Anhänger haben ihm das geglaubt.

Damit hat doch Trump, der angeblich ganz anders Politik gemacht hat, ein uraltes Schreckgespenst der Republikaner aus der Mottenkiste geholt.

Ganz genau. Darüber hat er etwa auch die Hispanics kubanischer Herkunft mobilisiert. Und er hat damit potenzielle Wähler der Demokraten verschreckt, weil es wirklich noch dieses Schreckbild gibt. Es ist nun nicht mehr die Sowjetunion, Trump hat nun Venezuela als abschreckendes Beispiel benutzt und verkündet, dass so die Wirtschaft bei einem demokratsichen Sieg aussehen würde. Das ist freilich Unsinn, aber es kommt darauf an, was geglaubt wird.

Haben denn die Trump-Wähler bisher wirtschaftlich von ihm so profitiert?

Manchen hat er sogar wirtschaftlich geschadet, zum Beispeil den Farmern. Ihre Exporte sind wegen des von Trump verursachten Handelskriegs mit China eingebrochen. Aber 75 Prozent der Farmer haben Trump offenbar wieder gewählt. Das könnte allerdings auch damit zusammenhängen, dass sie Subventionen bekommen haben. Und damit, dass sich Trump, obwohl er vier Jahre regiert hat, wieder als Anti-Establishment-Kandidat aufgestellt hat.

Haben ihm die Demokraten hier mit der Kandidatur von Joe Biden in die Hände gespielt? Er war ein Mann, der schon jahrzehntelang in der Politik ist.

Das werden wohl viele Stimmen in der Demokratischen Partei nun sagen. Die Demokraten haben sich hinter einem Kandidaten gesammelt, der so weit rechts stand, dass er die Trump-Wähler hätte zurückholen sollen. Auch Hillary Clinton war eine moderate Kandidatin. Sollte das zum zweiten Mal schief gehen, wird der linke Flügel rund um Bernie Sanders eine Grundsatzdiskussion über die Ausrichtung der Partei beginnen. Aber wie gesagt: Das alles wissen wir momentan noch nicht, das Ding ist noch am Laufen.