"Wiener Zeitung": Bei den US-Wahlen haben die Umfragen einen klaren Sieg für den Herausforderer Joe Biden vorhergesagt. Manche sprachen gar von einer "blauen Welle", die über das Land schwappen würde. Dazu ist es nicht gekommen. Warum erreichte US-Präsident Donald Trump wieder so ein hohes Ergebnis?

Jens Hacke: Ich glaube, dass die Spaltung und Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft außerordentlich tief ist. Man hat sich die Situation schöngeredet. Die Presse schaut oft mit Wunschvorstellungen auf die Wirklichkeit, in der Art: So eine Präsidentschaft voller Skandale kann doch vom Wähler nur abgestraft werden. Und in Umfragen scheuen sich manche Menschen, ihre wahre Einstellung zu bekunden. Ein Politiker wie Trump, der nicht nach den Regeln der liberalen Demokratie spielt, kann auch nicht mit den bewährten Regeln der Meinungsforschung eingefangen werden. Es geht so sehr um Affekte und Untergründiges, dass hier die herkömmlichen rationalen Mittel versagen.

Jens Hacke ist Professor für Vergleichende politische Kulturforschung an der Universität der Bundeswehr in München. Der Historiker, Politologe und Philosoph beschäftigt sich mit den USA. privat
Jens Hacke ist Professor für Vergleichende politische Kulturforschung an der Universität der Bundeswehr in München. Der Historiker, Politologe und Philosoph beschäftigt sich mit den USA. privat

Ist diese Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft, von der Sie sprechen, eigentlich ein neues Phänomen? In Österreich und Deutschland ist man immer schnell mit Analogien zur Zwischenkriegszeit zur Hand.

Die haben wir in den USA nicht, aber wir haben natürlich eine politische Kultur, die immer sehr stark auf Polarisierung und Affekten aufgebaut hat. Es gibt ein Zweiparteiensystem, das gut funktioniert, solange sich beide Parteien an der Mitte orientieren. Aber es gibt eben nicht die Möglichkeiten, die Gegensätze durch Koalitionen zu überbrücken, wie wir das von Europa gewohnt sind. Insofern ist diese Polarisierung ein Ergebnis der letzten 20 bis 25 Jahre. Es gibt einen Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft, der nicht durch die Politik eingefangen werden kann. Den USA fehlen auch vermittelnde Instanzen. Die Republikaner und Demokraten sind ja eigentlich keine richtigen Parteien im europäischen Sinn mit einem Programm, einem Vorsitzenden, einem Generalsekretär und so weiter, sondern Zweckgemeinschaften, die nur aktiviert werden, wenn es um den politischen Kampf bei Wahlen geht. Und das macht das Ganze natürlich sehr schwierig.

Mitglieder der weißen Miliz der Bongaloo Boys posieren in Michigan mit ihren Gewehren. - © afp
Mitglieder der weißen Miliz der Bongaloo Boys posieren in Michigan mit ihren Gewehren. - © afp

Ist vielleicht deshalb auch die Republikanische Partei, die ja anfangs recht Trump-skeptisch war, letztlich doch noch voll auf Präsidentenkurs gebracht worden? Handelt es sich bei der "Grand Old Party" heute um einen Trump-Wahlverein?

Die Republikanische Partei hat sich eigentlich zerlegt in der Zeit, als Barack Obama Präsident war. Damals trug die Tea Party zur Radikalisierung bei. Das republikanische Establishment früherer Jahre wurde immer schwächer. Das hängt auch damit zusammen, dass diese Partei niemals ein Programm haben musste. Und das macht die gegenwärtige Situation so schwierig. 2008 wurde der Umstand, dass mit Barack Obama ein Afroamerikaner Präsident werden konnte, noch als großer Durchbruch angesehen. In Wahrheit hat die Wahl Obamas die tiefsten Ressentiments und Konflikte zwischen den Ethnien in den USA noch einmal richtig angeheizt. Das ist eine Entwicklung, die 2008 noch nicht vorhersehbar war, wenn wir uns erinnern, wie enthusiastisch und empathisch der Sieg von Obama vor 12 Jahren gefeiert wurde.

Identitätspolitik ist auch im linken Lager en vogue. Seit Wochen kommt es in der Stadt Portland in Oregon bei Protesten zu Ausschreitungen. - © APAweb / afp, Nathan Howard
Identitätspolitik ist auch im linken Lager en vogue. Seit Wochen kommt es in der Stadt Portland in Oregon bei Protesten zu Ausschreitungen. - © APAweb / afp, Nathan Howard

Es gibt die weit verbreitete Vorstellung von Amerika als "melting pot", als Zukunftsort, wo sich Menschen aus aller Welt, aller Hautfarben und Kulturen treffen und friedlich unter dem Sternenbanner vereinen. Auch für das zunehmend multikulturelle Europa wurde das Ideal des "melting pots", des Schmelztiegels, als Zukunftsvision angepriesen. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen stellt sich aber die Frage, ob diese schön klingende Vision überhaupt realistisch ist. In den USA wird das Thema Herkunft immer dominanter. Firmen, die DNA-Analysen anbieten, die die eigene ethnische Herkunft herausfinden, machen gute Geschäfte. Das Thema ist überall präsent. Warum?

Wir haben tatsächlich eine merkwürdige Besinnung auf Ethnie und Herkunft - übrigens auch von links, wenn wir uns die Auswüchse der postkolonialen Theorien ansehen. Da geht es nicht mehr darum, in erster Linie Mensch oder Bürger zu sein, sondern um Identitäten. Diese Identitätspolitik scheint irgendetwas zu kompensieren. Sie legt sich jedenfalls über die "farbenblinde" Zugehörigkeit, die man als Bürger an der Gesellschaft hat. Das ist in der Tat eine Krisenerscheinung. Die Theorie des melting pot hat nie so ganz gestimmt. Aber in wirtschaftlich prosperierenden Zeiten, in den goldenen Nachkriegsjahren war sie noch so halbwegs plausibel. Es ist ja auch kein Zufall, dass die boomenden 1960er-Jahre auch die Zeit der Bürgerrechtsbewegung war, die ja auch von vielen Weißen unterstützt wurde. Damals ist viel gesellschaftliche Energie freigeworden.

"Wenn der Staat keine Zugewinngemeinschaft mehr ist, gibt es Verteilungs- und Identitätskonflikte."


Danach aber, mit der großen Krise der USA in den 1970er Jahren, der Zeit nach Vietnam und nach Nixon, als Großstädte wie New York zu Zentren des Verbrechens wurden, hat man gesehen, dass in Zeiten wirtschaftlicher Krise die Konflikte wieder aufbrechen. Wenn der Staat keine Zugewinngemeinschaft mehr ist, gibt es Verteilungs- und Identitätskonflikte. Außerdem glaube ich, dass die USA als traditionell schlanker Staat für die Grundlagen der Demokratie vielleicht nicht so stark gesorgt haben, wie wir das in Europa kennen - beispielsweise, was Bildungsanstrengungen und öffentliche Fürsorge betrifft. Wenn die Leute abgehängt werden und der Staat sich nicht um sie kümmert, lassen sich auch die Versprechen des "American Dream" nicht mehr realisieren.

Wenn sich diese Entwicklung, auch diese Spaltung weiter verschärft, wie sieht dann die Zukunft der USA aus? Gibt es dann die Gefahr, dass Amerika durch nichts mehr zusammengehalten wird? Dass es auseinanderfällt?

Ich würde ungern zum Apokalyptiker werden, aber wir haben natürlich eine Situation, wie wir sie bisher nicht kannten. Wir können uns heute nicht vorstellen, dass dieses zivilreligiöse Ritual, nämlich die Inauguration des Präsidenten, an dem die ganze Nation teilhat und wo der Amtsvorgänger seinen Nachfolger per Handschlag beglückwünscht und das Land sich zusammenfindet - dass eine solche Zeremonie mit Donald Trump stattfinden kann. Der Amtsinhaber führt sich ja derzeit wie ein verletzter Autokrat auf und beschwört über seinen ganzen Clan ein Bürgerkriegsszenario. Donald Trump junior, sein Sohn, hat sogar vom "totalen Krieg" gesprochen. So etwas kannte man bisher in den USA nicht. Selbst in den bittersten Auseinandersetzungen zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon 1960, zwischen Jimmy Carter und Ronald Reagan oder auch zwischen George W. Bush und Al Gore hat es nie einen Zweifel daran gegeben, dass die Tradition gesichert und der Übergang zur kommenden Administration unproblematisch ist.

"Trump könnte mit dem zivilreligiösen Ritual der problemlosen Amtsübergabe an einen neuen Präsidenten brechen."


Dieses ungeschriebene Gesetz zu brechen, war sozusagen das Betreten einer No-Go-Area. Auch das Verlieren, das stand- und ehrenhafte Verlieren genoss bisher immer hohes Ansehen in den USA. Die Gesten der Verlierer nach Präsidentenwahlen waren bisher eigentlich immer sehr überzeugend, weil eben jeder Präsident dieses zivilreligiöse Ritual verinnerlicht hat. Trump könnte mit dieser Regel brechen. Und das gibt in der Tat Anlass zur Besorgnis, weil wir nicht wissen, wie die amerikanische Demokratie mit einem solchen Ausreißer wie Trump umgeht.

Glauben Sie, dass Trump nur ein Ausreißer ist? Oder ist er ein Anfang und es wird in Zukunft öfter so sein, dass der unterlegene Kandidat seine Niederlage nicht akzeptiert? In vielen Staaten in der Welt ist das ja die Regel.

Beides ist möglich. Ich bin notorischer Optimist und glaube, dass das, was Trump jetzt macht, auch eine abschreckende Wirkung hat. Dass jene Politiker, die vom alten republikanischen Establishment noch übrig sind, dass auch die Gouverneure, die Juristen und Gerichtshöfe diesen Weg letztlich nicht mitgehen werden. Trump schlägt zwar derzeit wie ein geschlagener Boxer um sich. Die Institutionen der USA werden aber letztlich, vermute ich, stärker sein.

Was wird Donald Trump in so einem Fall tun?

Schwer zu sagen. In einer Rede hat er einmal, glaube ich, sogar angekündigt, im Fall seiner Niederlage das Land zu verlassen. Es wird auf jeden Fall etwas ganz Neues passieren, und die nächsten Wochen werden sehr spannend werden.