Taiwan hat bis zum heutigen Tag 842 Covid-19-Fälle zu verzeichnen, sieben Menschen starben auf der Insel mit 23,6 Millionen Einwohnern an den Folgen ihrer Infektion. Die Pandemiestrategie Taiwans gilt international als vorbildhaft, ihr Architekt, Gesundheitsminister Chen Shih-chung, ist einer der beliebtesten Politiker Taiwans. Im schriftlich geführten Interview erzählt er, wie sein Land durch die Corona-Krise gekommen ist.

"Wiener Zeitung": Welche Faktoren waren in Taiwans Kampf gegen Covid-19 die wichtigsten?

Chen Shih-Chung: Schnelligkeit. Schon am 31. Dezember 2019 begannen wir mit dem Screening von Passagieren, die aus Wuhan, China auf direktem Weg einreisten. Sechs Tage später wurden die Screenings verstärkt. Am 20. Jänner 2020 nahm die zentrale Epidemie-Kommandozentrale ihre Arbeit auf, die Alarmstufe wurde Schritt für Schritt bis 27. Februar auf Alarmstufe eins - das höchste Level - erhöht.

Welche Rolle spielte Technologie im Kampf gegen die Pandemie?

Eine sehr wichtige. So wurde etwa ein elektronisches System für die Gesundheitserklärungen und die Heimquarantäne-Bescheide für Einreisende geschaffen. Wir haben auch mit den privaten Telekom-Anbietern kooperiert, um mit GPS-Daten die Reise- und Kontaktprotokolle von Reisenden abzuklären - aber auch, um die Kommunikation mit Personen in Isolation oder Quarantäne sicherzustellen. Mit GPS-Daten konnten wir auch die strikte Einhaltung der Hausquarantäne überwachen - im Fall der Nichtbeachtung drohen sehr strenge Strafen. Wir haben auf Big Data gesetzt und Datenbanken verknüpft: Wer hat sich in einem Risikogebiet aufgehalten? Welche Kontakte hatten Covid-Verdachtsfälle?

Welche Informationsstrategie verfolgte die Regierung?

Wir haben die Bevölkerung unermüdlich in Pressekonferenzen informiert. Im TV und Radio wurden Informationssendungen der nationalen Seuchenbekämpfungsbehörde ausgestrahlt, die Botschaft lautete: Händewaschen! Mund-Nasen-Schutzmasken tragen! Aber es wurde auch erklärt, wie Sars-CoV-2 übertragen wird. Es ging von Anfang an darum, die Öffentlichkeit über die richtigen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung aufzuklären, Ängsten entgegenzuwirken und schädliche Gerüchte zu zerstreuen. Unser Ziel war, das Vertrauen zwischen Bevölkerung und Regierung zu vertiefen und die Bevölkerung zur Mitwirkung bei den Maßnahmen zu motivieren.

Welche Rolle spielte die Tatsache, dass Taiwan schon einmal von einem Sars-Ausbruch - der damals von Südchina ausging - betroffen war?

Das war von enormer Bedeutung. Wir haben unsere Sars-Lektion aus dem Jahr 2003 gelernt. Wenn man die geografische Nähe und das hohe Reiseaufkommen zwischen Taiwan und China bedenkt, dann versteht man, warum wir von Anfang an sehr besorgt und sofort in höchster Alarmbereitschaft waren. Wir waren also schon länger darauf vorbereitet, uns einer Epidemie, die von der anderen Seite der Taiwan-Straße ausging, mit aller Kraft entgegenzustemmen. In den vergangenen Jahren war Taiwan ja auch mit Ausbrüchen von Dengue-Fieber und Influenza A H1N1 konfrontiert und schon seit dieser Zeit haben wir folgendes Prinzip etabliert: umsichtiges und rasches Handeln sowie ein schnelles Hochfahren aller Strukturen im Fall einer Epidemie.

Wie ist die derzeitige Situation in Taiwan?

Covid-19 ist gegenwärtig in Taiwan unter Kontrolle: Die Regierung versucht die delikate Balance zwischen einer florierenden Wirtschaft, einem normalen Alltagsleben und effizienter Epidemiebekämpfung. Wir waren in Taiwan Zeugen, wie sich die Pandemiesituation verschlechtert hat, nachdem viele Länder die Eindämmungsmaßnahmen gelockert hatten. Daher werden wir weiter wachsam bleiben, bis eine Durchimpfung erreicht ist.

Welche Lehren können andere aus Taiwans Strategie ziehen?

Schnell und entschlossen handeln; Verdachtsfälle rasch identifizieren und isolieren; effizientes Contact-Tracing und eine Betreuung und Überwachung der Quarantänefälle; umfassendes Testen und Einsatz von Big Data und digitalen Technologien ist entscheidend.

Was waren die größten Herausforderungen?

Wir stehen alle vor derselben Herausforderung: Bis zum heutigen Tag gibt es mehr als 93 Millionen bestätigte Covid-19-Fälle weltweit, die Pandemie bleibt weiter ein sehr ernstes Problem. Von einer Herdenimmunität ist die Welt noch weit entfernt. Die Situation wird auf der Nordhalbkugel den ganzen Winter über sehr ernst bleiben. Solange Impfungen noch nicht breit verfügbar sind, muss die Öffentlichkeit weiter die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen beachten. Die größten Schwierigkeiten gab es in Taiwan - wie wohl überall - damit, dafür zu sorgen, dass die Öffentlichkeit voll kooperiert.

Wie sieht es mit der Impfstrategie in Taiwan aus?

Taiwan hat in einem ersten Schritt genügend Impfstoffe angekauft, um 65 Prozent der Bevölkerung zu impfen. Wir sind auch Teil von Covax, der Impfstoffinitiative der Weltgesundheitsorganisation WHO, sowie der globalen Impfallianz Gavi, arbeiten aber gleichzeitig selbst an der Entwicklung von Impfstoffkandidaten und kaufen Impfstoffe direkt bei den Herstellern an. Da es derzeit ein sehr limitiertes Impfstoffangebot gibt, werden in Taiwan zuerst die Hochrisikogruppen geimpft, darüber hinaus Gesundheitspersonal, Menschen, die im öffentlichen Verkehr arbeiten und Schlüsselkräfte. Zuerst werden die Älteren geimpft, dann die Jüngeren. Wir haben in Taiwan mit dem Aufbau von Kühl- und Logistikketten begonnen, sobald die Lagerbedingungen der einzelnen Impfstoffe, bekannt waren.