Die Nato hat den Rückzug ihrer Mission aus Afghanistan gestartet, wie das Verteidigungsbündnis am Donnerstag bekannt gab.  Und es deutet viel darauf hin, dass es jetzt schnell gehen wird: Wäre es nach dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump gegangen, wäre der US-Truppenabzug aus Afghanistan sogar bereits mit Ende April finalisiert. Das war auch Teil des Friedensabkommens zwischen den USA und den Taliban.

Der nunmehrige US-Präsident Joe Biden hatte im April verkündet, die US-Truppen immerhin bis zum 11. September aus dem Krisenherd abzuziehen, was manche Beobachter immerhin als einen etwas geordneteren Rückzug sehen als die Eil-Aktion Trumps. Die Taliban hatten aber schon im Vorfeld gegen eine Verlängerung des Aufenthalts durch Biden protestiert und warnten Mitte April, "jeglich notwendige Gegenmaßnahme zu ergreifen", sollten sich die USA nicht daran halten.

Nun sieht es sogar danach aus, als könnten die USA doch vielleicht schon vor September komplett aus Afghanistan draußen sein.  Als neuer Stichtag für die komplette Räumung wird der 4.Juli, der amerikanische Unabhängigkeitstag kolportiert.

"Ich habe nun die Befehle erhalten", erklärte General Austin Miller, der die US-geführte Verteidigung in Afghanistan leitet, am Sonntag. Sie würden nun mit dem Rückzug beginnen, und das bedeute auch, die "Übergabe der Stützpunkte und des Equipments an die afghanischen Sicherheitskräfte". Natürlich müsse nicht näher bezeichnetes spezielles "Equipment" aus dem Land ausgeführt werden, aber "wo immer es möglich ist", wird das Material für die afghanischen Streitkräfte hinterlassen.

Eine Entscheidung, die bei Beobachtern durchaus die Sorgenfalten noch tiefer werden lässt. Denn die Tatsache, dass die USA - und in ihrem Gefolge alle internationalen Truppen - Afghanistan verlassen, schürt bei vielen die Befürchtung, dass die Taliban früher oder später wieder an die Macht kommen werden. Und dann haben sie auch die US-Ausrüstung zu ihrer Verfügung.

Ob die afghanischen Streitkräfte bereit und fähig sind, die Taliban weiterhin zu bekämpfen, wird nämlich sehr offen bezweifelt. Am Papier haben die USA die afghanischen Kollegen seit fast 20 Jahren ausgebildet, und kämpften mit ihnen Schulter an Schulter. Aber laut "New York Times" wurden die Afghanen nie gleichberechtigt behandelt, wurden schlechter versorgt und schlechter bezahlt. Die Waffen, die sie tragen durften, kosteten so viel wie mehrere Monatsgehälter. Im Fall von Verletzungen bei ein- und derselben Kampfhandlung wurden die internationalen Truppen in spezialisierte Krankenhäuser geflogen, die Afghanen aber in Substandard-Einrichtungen.

Am Papier verfügen die afghanischen Streitkräfte auch über mehr als 300.000 Einheiten, aber die Zahl ist höchstwahrscheinlich deutlich niedriger. Denn laut der "New York Times" halten zum Beispiel Polizeieinheiten ihre Mannschaft an Köpfen kleiner, als sie eigentlich geplant ist - damit die Kommandanten das Gehalt der fehlenden oder getöteten Polizisten für sich selbst einstreifen können. Ein Armeekorps, das angeblich über 16.000 Soldaten verfügt, hat etwa nur die Hälfte.

Barack Obama: "Ein Krieg, den wir gewinnen müssen"

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama erklärte im Vorfeld seiner Wahl 2008, dass Afghanistan "ein Krieg ist, den wir gewinnen müssen". Doch 20 Jahre nach dem Einmarsch unter US-Präsident George W. Bush unter dem Banner "Krieg gegen den Terror" ist von einem Sieg nichts zu sehen.

Die Sicherheitslage ist mehr als angespannt. Davon zeugt auch die Abberufung von diplomatischem Personal aus der US-Botschaft in Kabul diese Woche Dienstag. Allein diesen Jänner wurden 239 Menschen der afghanischen Sicherheitskräfte von den Taliban getötet - und 77 Zivilisten. Die USA haben seit 2015 weniger als 20 Soldaten pro Jahr verloren.

Nach offiziellen Angaben waren zuletzt 2.500 US-Soldaten in Afghanistan stationiert. Darüber hinaus befinden sich auch noch rund 18.000 US-Vertragskräfte, sogenannte Contractors, in dem Land, die verschiedene Aufgaben erfüllen. Die Nato hat noch rund 7.500 Soldaten im Land. Das österreichische Bundesheer ist mit 16 Soldaten an der Nato-geführten Ausbildungsmission RSM (Resolute Support Mission) in Afghanistan beteiligt.

Zuletzt hat die Gewalt in Afghanistan wieder deutlich zugenommen. Ob das
am verzögerten Abzug der Amerikaner hängt oder am Abzug überhaupt, sei
dahingestellt. Am Wochenende wurden mindestens 29 Menschen getötet und zahlreiche andere verletzt. Es häufen sich wieder gezielte Attentate auf Intellektuelle und Vertreter der Medien und des Staates. In der Hauptstadt Kabul erschossen Unbekannte am Samstag bei drei Vorfällen einen Universitätsdozenten, einen Regierungsbeamten und vier Polizisten. Das US-Militär machte in der Vergangenheit die Taliban für solche Anschläge verantwortlich.

Daneben kam es zu Angriffen auf Militärposten und Anschlägen mit am Straßenrand versteckten Bomben in mehreren Provinzen, bei denen Sicherheitskräfte und Zivilisten getötet wurden. Ein Teil davon wurde von den Taliban reklamiert.

Am Sonntag kamen zudem mindestens sieben Zivilisten in der zentralen Provinz Wardak durch Regierungskräfte ums Leben - vier bei einem Luftangriff und drei durch Mörserbeschuss.

In den ersten drei Monaten 2021 wurden fast 30 Prozent mehr Zivilisten getötet oder verletzt als im Jahr zuvor. Dabei stieg insbesondere die Zahl der verletzten oder getöteten Frauen um 37 Prozent und die der Kinder um 23 Prozent.(wak)