Eine kennzeichnende Eigenschaft der englischen Sprache besteht darin, dass sie oft nur ganz wenige Wörter oder nur einen Satz braucht, um einen an sich komplexen Sachverhalt auf den Punkt zu bringen. Entsprechend lässt sich die Reaktion der amerikanischen Öffentlichkeit angesichts der laufenden Ereignisse in Afghanistan vielleicht am besten so zusammenfassen: "Damn if you do, damn if you don’t". Frei und sinngemäß übersetzt: Egal, welche Entscheidung man auch trifft - am Ende wird es immer eine schlechte sein.

Es war diese Botschaft, die praktisch jeden Aspekt jener Rede überlagerte, die US-Präsident Joe Biden am Montagnachmittag Ortszeit Washington D.C. zur Lage am Hindukusch gab. Tenor: So verstörend die Bilder von verzweifelten Afghanen auch seien, die sich an Transportflieger klammern, so schmerzhaft das Eingeständnis, es nach 20 Jahren Besatzung nicht geschafft zu haben, Afghanistan in ein funktionierendes Staatsgebilde zu verwandeln, so bedenklich das erklärte Ziel der alten neuen Machthaber in Kabul, das Land in eine islamistische Theokratie zu verwandeln - es hätte keinen Unterschied gemacht, ob die Amerikaner und ihre Alliierten heute, vor fünf Jahren, oder erst in nochmal 20 Jahren abgezogen wären; das Ergebnis wäre unterm Strich immer das gleiche gewesen. Entsprechend stehe seine Administration zur Entscheidung, Afghanistan künftig sich selbst zu überlassen.

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Nachhaltige Schockwirkung

So recht der 78-Jährige mit seiner Einschätzung angesichts der Wirklichkeiten am Boden wahrscheinlich haben mag, zeigte sich anhand der innenpolitischen Reaktionen darauf schnell, dass ihn das nicht vor der Kritik des mangelnden Krisenmanagements bewahrt. Die Schockwirkung, die die Bilder vom Chaos am Kabul International Airport in den USA entfalteten, werden ungeachtet dessen, was in den kommenden Tagen passieren wird, noch lange nachwirken. Was die Debatten um die stockende Evakuierung tausender Botschaftsmitarbeiter angeht - unter ihnen nicht nur amerikanische Staatsbürger, sondern auch zahlreiche Einheimische und Repräsentanten westlicher Medien und NGOs - zeigen sich indes argumentative Bruchlinien, die nicht dem üblichen Schema rechts gegen links entsprechen.

Was derweil alle Diskussionen prägt, ist eine mal mehr, mal weniger, aber nichtsdestotrotz beständige Missachtung und/oder Ignorierung der Fakten zugunsten großspuriger Erklärmodelle, an deren Ende stets verlässlich ein eindeutiger "Schuldiger" für das Scheitern ausgemacht wird: für die Republikaner, die laut einschlägigen Umfragen die Demokraten sowieso und gänzlich ironiebefreit für alles Böse in der Welt verantwortlich machen, sind es Joe Biden oder sein Vorvorgänger Barack Obama, dem er zwischen 2009 und 2017 als Vize diente. Für die Linksliberalen sind es George W. Bush, unter dem das Engagement Ende 2001 seinen Ausgang nahm und Donald Trump, der mit den Taliban so lange wie erfolglos zu verhandeln versuchte und demzufolge die US-Truppen ihren Abzug angeblich bereits im Mai dieses Jahres angetreten hätten.

2.400 tote Amerikaner

Aber zurück zur Wirklichkeit: Laut den offiziellen Zahlen des Pentagon haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund 775.000 amerikanische Soldatinnen und Soldaten am Hindukusch ihren Dienst versehen, zuerst im Rahmen der Operation "Enduring Freedom" (2001-2014) und dann im Rahmen der jetzt zu Ende gehenden Operation "Freedom’s Sentinel". Rund 2.400 von ihnen ließen in diesem Zeitrahmen ihr Leben. Rund 20.000 wurden teilweise schwer verletzt.

So erschreckend jedes einzelne Schicksal sein mag: Von den afghanischen Sicherheitskräften starben laut den Forschern der Brown University in Rhode Island - offizielle Zahlen der sich nunmehr im tadschikischen Exil befindlichen ehemaligen afghanischen Regierung liegen nicht vor - im gleichen Zeitraum rund 69.000.

Was so bedenklich wie bezeichnend für die innenpolitische Zerrissenheit der USA 2021 ist, zeigt sich allein daran, dass Zahlenwerk wie dieses, das zumindest eine Basis für eine nüchterne Analyse der Situation bieten würde, in den politischen Debatten de facto keine Rolle spielt. Stattdessen ergehen sich Politiker wie Medien-Kommentatoren jeglicher Coleur in so bequemen wie nach allen herkömmlichen Maßstäben bestenfalls idiotischen Narrativen wie angeblichen Parallelen zum Vietnam-Konflikt, dem zwischen 1955 und 1975 knapp über 58.000 Amerikaner zum Opfer fielen.

In den sozialen Medien wie in den Fernsehkanälen und Zeitungen dreht sich dieser Tage fast alles nur um die Frage, wie es passieren konnte, dass die Taliban bei ihrem Vormarsch derart leichtes Spiel hatten und wer dafür verantwortlich zu machen sei. Analysen über das "Bigger Picture" - die künftige Rolle der USA als Garant der Pax Americana, die trotz aller berechtigten Kritik großen Teilen der Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Wohlstand, Frieden und Demokratie gebracht hat - bleiben marginalisierten Kommentatoren wie dem zuerst als neokonservativer Vordenker und dann als Anti-Trumper zu Bekanntheit gelangten Bill Kristol oder Kolumnisten wie dem Militärhistoriker Max Boot vorbehalten. Beide hängen bis heute der alten "Shock and Awe"-Philosophie von George W. Bush nach, auch wenn sie mit dem Tod von John McCain vor drei Jahren ihren wichtigsten Verbündeten im Kongress verloren.

Auf der zwischen humanitären Bedenken und der Anerkennung der Unauflösbarkeit des gordischen Knotens Afghanistan aufgeriebenen US-Linken sieht es derweil nicht viel besser aus. Wiewohl die grausame Ironie der Geschichte darin besteht, dass ihr Figuren wie Kristol und Boot heute näher sind denn je, seit die Republikanische Partei unter Trump einen ultra-isolationistischen Kurs eingeschlagen hat; was die Repräsentanten letzterer freilich nicht davon abhält, die Biden-Administration unablässig für die Art und Weise des Abzugs zu kritisieren, für die ihr eigener Führer die Grundlage schuf - im Gegensatz zu seinem Nachfolger ohne den Mut, ihn auch durch zu ziehen, koste es, was es wolle.

Verbreitete Konfusion

Die Absurdität, dass den US-Präsidenten jetzt von ganz links bis extrem rechts ausgerechnet jene am lautesten kritisieren, die Trump zuvor für seine nie umgesetzten Pläne für Afghanistan beklatschten, ist entsprechend bezeichnend für die Konfusion weiter Teile der amerikanischen Öffentlichkeit. Einerseits kratzt die Erkenntnis, dass sich der afghanische Boden selbst für die USA als Weltmacht-Friedhof erwies, am Eigenbild.

Andererseits ist man froh, das Problem (vorläufig) hinter sich gelassen zu haben. Die Tatsache, dass sich die Vertreter autoritärer Regime wie China, Russland und Iran darob die Hände reiben, scheint dabei keine Rolle mehr zu spielen.